Kunst und Kultur

Namibia-Initiative des Landes

Die Objekte werden am Flughafen ausgepackt (Foto: Shawn van Eeden)

Das Land bindet die erste Rückgabe kolonialer Kulturgüter aus einem Museum in Baden-Württemberg an Namibia in eine Gesamtstrategie zum Umgang mit seinem kolonialen Erbe ein. Für seine Namibia-Initiative stellt das Land in einem ersten Schritt 1,25 Millionen Euro zur Verfügung.

„Die Rückgabe kolonialer Gegenstände ist für uns der Ausgangspunkt für einen intensiven Dialog und neue, starke Partnerschaften mit den Herkunftsgesellschaften. Das ist der baden-württembergische Weg, wie wir mit unserem kolonialen Erbe umgehen. Wir wollen die gemeinsame Kolonialgeschichte auch gemeinsam aufarbeiten und heute ein neues Kapitel der Zusammenarbeit aufschlagen“, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer in Windhoek. Gestartet werden anlässlich der Rückgabe der Familienbibel und Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi in Namibia mehrere wissenschaftliche und kulturelle Kooperationsprojekte. An diesen sind Museen, Hochschulen und Archive in den beiden Ländern beteiligt. Für seine Namibia-Initiative stellt das Land in einem ersten Schritt 1,25 Millionen Euro zur Verfügung. „Mit den neuen Kooperationsprojekten gehen wir in eine gemeinsame Zukunft“, so die Ministerin.

Vier Themenbereiche – viele kompetente Partner

Die Namibia-Initiative umfasst vier Themenbereiche und sechs Projekte, die eng miteinander verknüpft sind: die historische Aufarbeitung und – damit verbunden – die Vermittlung im Schulunterricht, den Umgang mit musealen Sammlungsgegenständen, Kolonialismus in der Literatur sowie zeitgenössische künstlerische Perspektiven auf das koloniale Erbe.

Partner auf baden-württembergischer Seite sind das Linden-Museum, das Landesarchiv Baden-Württemberg, die Universität Tübingen, die Universität Freiburg und deren Arnold Bergstraesser Institut (ABI) sowie die Pädagogische Hochschule Freiburg, das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Akademie Schloss Solitude. Partner auf namibischer Seite sind die Universität von Namibia, das Nationalmuseum, das Nationalarchiv, die wissenschaftliche Gesellschaft, die Museums Association of Namibia, Heritage Watch sowie Vertreterinnen und Vertreter der Herkunftsgesellschaften Nama und Herero.

Thematisch geht es auch um Fragen wie die gemeinsame Erschließung, Aufarbeitung und Zugänglichmachung von Sammlungen und Archiven, historischen Fotos und Dokumenten sowie deren digitale Präsentation.

With Namibia: Engaging the Past, Sharing the Future

In der Kooperation des Linden-Museums mit der Universität Tübingen, dem namibischen Nationalmuseum, der Universität von Namibia, der Museum Association of Namibia sowie Vertretern der Herkunftsgesellschaften Nama und Herero sollen neue Formen der Präsentation der gemeinsamen Geschichte entwickelt werden. Ziel ist, einen langfristigen Dialog zu etablieren und dabei Wissen, Erfahrungen und Interpretationen auszutauschen. Im Mittelpunkt des Projektes stehen die Sammlungen, historische Fotos und Dokumente, die aus der Region der ehemaligen deutschen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ bzw. dem heutigen Staat Namibia stammen. Seit 2016 werden die Bestände aus Namibia von Provenienzforschern untersucht, seit Dezember 2018 mit einer Stelle, die vom Land und dem Museum für die Dauer von zwei Jahren finanziert wird. Die Bestände aus Namibia sollen nun im Rahmen der Namibia-Initiative digital erfasst und damit zugänglich gemacht werden.

Austausch und Know-how-Transfer zwischen Archiven

Ziel des Projektes bzw. der Partnerschaft von Landesarchiv Baden-Württemberg und namibischem Nationalarchiv ist es, den internationalen Know-how-Transfer zu fördern, die historischen Quellen des Nationalarchivs dauerhaft zu sichern und den Zugang zu ihnen zu verbessern. Damit werden die Voraussetzungen geschaffen für die historische Aufarbeitung (nicht nur) der Kolonialzeit in Namibia. Das Landesarchiv Baden-Württemberg gehört in vielen archivfachlichen Bereichen zu den Vorreitern in der deutschen Archivlandschaft, insbesondere in der Langzeitarchivierung digitaler Dokumente und der Online-Präsentation. Das Landesarchiv berät das Nationalarchiv beim Ausbau der technischen Infrastruktur. Es wird ein Austausch- und Schulungsprogramm für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des namibischen Nationalarchivs im Landesarchiv und im Bundesarchiv geben – ein ausdrücklicher Wunsch von namibischer Seite. Es geht dabei um Archivmanagement, Bestandserhaltung, Restaurierung und Digitalisierung, Online-Präsentation von Zugangsdaten und Dokumenten sowie Ausstellungstechnik. Damit werden die Grundlagen gelegt für die weitere gemeinsame wissenschaftliche Arbeit.

Kolonialismus im Unterricht

Das Thema Kolonialismus ist bisher in Schulbüchern und dementsprechend im Unterricht in Deutschland unterrepräsentiert. In einem gemeinsamen Projekt entwickeln die Pädagogische Hochschule Freiburg und die Universität Freiburg mit der Universität von Namibia und dem National Institute for Educational Development in Okahandja neue Konzepte zur Lehrerbildung. Was lernen angehende Lehrkräfte bereits im Studium über die Kolonialgeschichte und wie vermitteln sie ihr Wissen? Es geht insbesondere darum, die Perspektive von Repräsentanten der Herkunftsgesellschaften und der Wissenschaft einzubeziehen.

Kolonialismus in der Literatur

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach erforscht zusammen mit der Universität von Namibia die Rolle der deutschen Kolonialliteratur. Das gemeinsam geplante Projekt zielt auf eine öffentliche, forschungsgestützte und dialogische Aufarbeitung der Geschichte deutscher Namibia-Projektionen und Afrika-Phantasmen von der Zeit des Kaiserreichs (ca. 1880-1918) bis in die Gegenwart. Wichtige Etappen werden eine Ausstellung sein, in der das Thema gemeinsam öffentlich präsentiert und diskutiert wird, eine wissenschaftliche Tagung und eine Autorentagung, begleitend sind Veranstaltungen in Baden-Württemberg und in Namibia geplant.

Zeitgenössische künstlerische Perspektiven auf das koloniale Erbe

Die Akademie Schloss Solitude plant eine von deutschen und namibischen Kuratoren gemeinsam gestaltete Konferenzreihe, die zeitgenössische künstlerische und wissenschaftliche Perspektiven in den Vordergrund stellt. Die Auseinandersetzung zu Fragen des kolonialen Erbes schafft die Grundlage für die Zukunft gegenseitiger Kulturbeziehungen. Um die Kunstszenen beider Länder zu verbinden und interkulturelle Netzwerke aufzubauen, soll ein Stipendienprogramm für Kunst und Literatur/Journalismus eingerichtet werden mit wechselseitigen Stipendien nach Namibia und an die Akademie Schloss Solitude.

Koloniale und postkoloniale Wissenschaft

Das ethnologische Institut an der Universität Freiburg plant gemeinsam mit dem soziologischen Institut an der Universität von Namibia einen Austausch zwischen Studierenden über koloniale und postkoloniale Wissenschaft. Dies ist ein Baustein der Afrika-Aktivitäten der Universität, die aktuell ein neues Zentrum für Afrika-Studien aufbaut. Mit ihrem Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) und dem Arnold-Bergstraesser-Institut für kulturwissenschaftliche Forschung (ABI) hat die Universität bereits den Zuschlag für das „Merian International Centre for Advanced Studies in Africa“ bekommen und ist damit ein wichtiger Knotenpunkt der Afrikaforschung in Deutschland.

Weitere Informationen

Die von deutschen Kolonialtruppen im Jahr 1883 bei einem Angriff erbeutete Familienbibel und Peitsche des Nama-Kapteins Hendrik Witbooi wird Ministerin Bauer am morgigen Donnerstag in einer feierlichen Zeremonie in Gibeon an den namibischen Staatspräsidenten Hage Geingob übergeben.

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