Hymnen

Drei Lieder

Südwestdeutsche Hymnen

  • Maulbronner Kammerchor bei den Tagen der Chor-und Orchestermusik in Bruchsal; Bildquelle: dpa

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Identität benötigt Symbole, in denen sich die Menschen wieder erkennen. Lieder und Hymnen sind solche Symbole.

In den historischen Landesteilen des heutigen Baden-Württemberg hat sich jeweils eine Hymne erhalten: das Badenerlied, die Hymne der Württemberger und das Hohenzollernlied. Die Lieder unterscheiden sich in ihrer Machart und Aussage. Das Loblied der Badener besingt sozusagen die Sehenswürdigkeiten Badens. Die Württemberg-Hymne „Der reichste Fürst” ist ein Geschichtsmythos und das Zollernlied drückt Heimweh und die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten aus. Die Lieder sind Symbolträger der Geschichte der Landesteile. Das Badenerlied steht für die Entstehung des Großherzogtums Baden, während die Württemberg-Hymne an die herausragende Stellung des Württembergischen Herrscherhauses in der deutschen Geschichte steht. Das Zollernlied wiederum verweist auf den Verzicht der Herrscherhäuser Sigmaringen und Hechingen und ihren Anschluss an Preußen. Alle drei Lieder stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Das schönste Land

Das populärste der drei Lieder ist das Loblied der Badener oder auch Bad(e)nerlied. Der Ursprung des Liedes liegt weitestgehend im Dunkeln. Mit den im Text beschrieben Orten, lässt sich der Entstehungszeitraum jedoch auf die Zeit zwischen 1860/65 und 1871 (1890) einschränken. Autor oder Komponist sind ebenfalls nicht bekannt. In einem 1915 erschienenen Schulliederbuch wird es als „altes Soldatenlied“ und die Melodie als „alte badische Volksweise“ bezeichnet.

Bei Vorbereitungen zur Jubiläumsausstellung „900 Jahre Baden“ im Wehrgeschichtlichen Museum Rastatt, fand im Mai 2012 dessen Direktor den bisher ältesten Druck des Badenerliedes von 1896. Jedoch gab es auch hier kein Hinweis auf den Verfasser. Zudem finden sich in dem Band nur die erste, dritte („In Haslach gräbt man Silbererz…“) und fünfte Strophe. („Der Bauer und der Edelmann…“). Dies ist kaum verwunderlich. Kursiert das Lied doch auch heute noch in vielen verschiedenen Versionen. Abgesehen von ironischen Verballhornungen der Schwäbischen Nachbarn und Umdichtungen einzelner Zeilen, variiert die Strophenreihenfolge damals wie heute.

Einige Forscher gehen davon aus, dass das Badnerlied ursprünglich aus dem Sachsenlied abgeleitet wurde, dessen erste Strophe bis auf den Regionalbezug nahezu identisch ist. Hier ist die erste gedruckte Version schon für 1883 nachweisbar. Welches der beiden Lieder jedoch zuerst ersonnen wurde, lässt sich nicht einfach sagen. Beide Lieder wurden schon vor den bekannten Drucken mündlich tradiert. Mit Sicherheit lässt sich dagegen sagen, dass die vierte Strophe („Alt-Heidelberg du feine…“) aus dem „Trompeter von Säckingen“ (1854) von Victor Scheffel „geklaut” wurde. In die Kritik geraten ist das Badnerlied wegen der Zeile „In Rastatt ist die Festung, und das ist Badens Glück.“ Schlugen die Preußen doch auf eben dieser Festung 1849 das badische Revolutionsheer und beendeten damit blutig die Revolution im Südwesten. Die Forschung geht davon aus, dass es sich entweder um eine ironische Wendung handelt, sich der Inhalt dem Reim unterordnen musste, was nicht unüblich bei Volksliedern ist oder, dass Rastatt als Festung an der Grenze zum damals verfeindeten Frankreich gemeint ist.

Das Badnerlied sollte wohl auch das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Alt- und Neubadenern stärken. Nach dem Sieg über Napoleon und der Neuordnung der Deutschen Lande auf dem Wiener Kongress 1814/1815 wuchs das Staatsgebiet Badens um das Vierfache. Aus 170.000 Badenern wurden so mit einem Schlag rund eine Million. Der Volksmund ignorierte die Kritik oder umging die Problematik mit Umdichtungen der Zeile. Zum Beispiel „In Raststatt steht die Festung, doch das ist lang zurück“ oder wie beim Fußballbundesligisten SC Freiburg „In Rothaus ist die Brauerei und das ist Badens Glück.“

Von Baden, ob ursprünglich aus Sachsen kommend oder nicht, fand das Loblied der Badener Einzug in viele andere Regionen Deutschlands. So dichteten die jeweiligen Landsmannschaften um 1900 im Elsass, der Pfalz, in Bayern, Franken, Württemberg oder Hessen kurzerhand den Text auf die eigene Heimat um. 1921 setzte sich der damalige Direktor der badischen Landesbibliothek dafür ein, dass das Loblied der Badener zur offiziellen Hymne Badens wird. Zwar schenkte niemand seinem Ansinnen gehör, doch als der Komponist Emil Dörle einige Jahre darauf aus dem Badnerlied den Marsch „Hoch Badnerland“ komponierte ging das Badnerlied in das Standardrepertoire badischer Blaskapellen über. Bis heute wird das Badnerlied bei offiziellen und inoffiziellen Anlässen zum Besten gegeben. Auch bei Spielen der Fußball-Bundesligisten SC Freiburg oder dem Karlsruher SC ist es nicht wegzudenken.

Der reichste Fürst

Das älteste der drei Lieder ist die Württemberg-Hymne „Der reichste Fürst“ oder auch „Preisend mit viel schönen Reden“. Anders als beim Badenerlied ist hier der Ursprung bekannt. Der schwäbische Dichter Justinus Kerner schrieb den Text 1818. Zusammen mit der Melodie erschien die Hymne zuerst 1823. Der Komponist ist allerdings auch hier nicht bekannt. Die Melodie fand jedoch schon vorher in anderen Liedern Verwendung. Etwa zum Text von „In des Waldes tiefsten Gründen“ aus einem Räuberroman. Auch im Badenerlied klingt die Melodie der Württemberg-Hymne an. Am auffälligsten an der Melodie ist der Anklang der französischen „Marseillaise“: „Alons, enfants de la partie…“ in der letzten Zeile der Strophen.

Vorlage für die Ballade von Justinus Kerner ist die historische Sage über die Fürstenversammlung 1486 in Worms. Die Fürstenversammlung erhob Graf Eberhard V. auch Eberhard im Bart genannt zum ersten Herzog von Württemberg. In der Volkssage verkörpert Eberhard das Ideal des guten und gerechten Herrschers in einem friedlichen Staat. Er beendete die jahrzehntelange Teilung Württembergs und war ein Förderer der Kunst und Wissenschaft, so gründete er 1477 die Universität Tübingen. In der Vormärzzeit führten seine ihm zugesagten Eigenschaften zu einer raschen Verbreitung des Lieds.

Da Altwürttemberg ein eher armes Land war, mit wenigen Rohstoffen und teilweise schlechten Böden, betont das Lied den wahren Reichtum des Landes: Die Menschen, die fromm, fleißig und innovativ waren und sind. In der letzten Strophe heißt es, dass der Fürst sein Haupt in jeden Untertan Schoß legen könne. Dies drückt das besondere Verhältnis zwischen Herrscher und Beherrschten aus. Ein Adel als Zwischenschicht existierte nicht. Auf der einen Seite bedeutet diese Symbolik, dass der Untertan seinen Fürst als einen Menschen sehen soll, der nicht mit einer Revolution zu bekämpfen sei. Auf der anderen Seite ist es aber auch die Aufforderung an den Fürsten, seine Regentschaft stets so zu führen, dass er jederzeit seinen Kopf in den Schoß des Untertans legen kann. Wohl bestellt muss es um das Land sein, in dem sich Herrscher und Untertan so gut verstehen. Daher die Erkenntnis der anderen Fürsten, dass der an weltlichen Schätzen arme Fürst, doch der reichste von ihnen allen sein muss.

Das Hohenzollernlied

Die in Baden-Württemberg aufgegangenen Hohenzollerischen Lande haben ebenfalls eine eigene Hymne. Das „(Hohen-)Zollernlied“ oder auch „Nicht weit von Württemberg und Baden“ stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es handelt von Abschied und Wiederkehr, Angst und Hoffnung des Soldaten. Die erste Strophe steckt aber zunächst die Grenzen der Hohenzollerischen Lande ab und verweist auf den sagenumwobenen Hohenzollernfelsen. Er ist der ruhende Pol innerhalb des unruhigen Geschehens in der Welt. Unverrückbar und stetig Blickt der Felsen auf alle und alles was an ihm vorüber zieht.

Das Lied wurde nicht nur durch Soldaten, sondern auch von Handwerksburschen auf der Wanderschaft verbreitet. Die Melodie ist wohl der französischen Hymne „Ma Normandie“ entleht. Wer den Text verfasst hat ist nicht endgültig geklärt. Als Dichter werden zwei verschiedene Personen genannt. Da der Verfasser schon von Anfang an unbekannt war, rief ein Tübinger Gymnasialprofessor und Schriftleiter der Zeitschrift des Schwäbischen Alpenvereins dazu auf, der Autor möge sich bei ihm melden. Zunächst meldete sich 1895 Hechingens Stadtschultheiß und nannte den Soldat Konrad Killmaier als Autor. Killmeier, der von 1858 – 1861 in einem hohenzollernschen Füsilier-Regiment in Saarlouis diente, soll es zum Abschied seinen Kammeraden gewidmet haben. Diese Angabe stellte sich jedoch später angeblich als Irrtum heraus.

1908 meldete sich Herman Vitalowitz bei dem Professor und reklamierte die Urheberschaft für sich. Wobei fraglich ist, wie zuverlässig solche Selbstanzeigen sein können. Vitalowitz, damals Postpraktikant, will es 1849 anlässlich der Übergabe Hohenzollerns an Preußen verfasst haben – die Fürsten von Hechingen und Sigmaringen entsagten ihren Erblanden, daher fielen beide Fürstentümer gemäß alter Erbverträge an Preußen. Nach eigener Aussage wollte Vitalowitz die damals unter hohenzollernschen Soldaten ausgegebene Losung „Treue ohne Wanken“ in ein Lied gießen. Auch für die Melodie beanspruchte er die Urheberschaft.

Wie es aber häufig mit Volksliedern geschieht, hat sich das Volk an die eigentliche Melodie anlehnend eine eigene Melodie geschaffen. So sind heute noch regional leicht unterschiedliche Melodien und Rhythmen bekannt. Das Zollernlied ist auch heute noch in der Erinnerung von Hechingen und Sigmaringen als Landeslied präsent.


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