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Kirchentag
  • 30.05.2017

Jesus moralisiert nicht

  • Winfried Kretschmann, Ministerpräsident (Bild: © dpa)

Auf dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag hat sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seiner Bibelarbeit mit Lukas 19, 1-10 „Jesus sieht Zachäus” beschäftigt. Dabei schlägt er die Brücke von der berühmten Geschichte von Jesus und dem Zöllner zu seiner Politik. Statt zu moralisieren, sollte Politik Perspektiven aufzeigen und positive Rahmenbedingungen setzen.

Die Rede von Ministerpräsident Winfried Kretschmann:

Im Mittelpunkt der heutigen Bibelarbeit steht eine Erzählung, die die allermeisten von Ihnen kennen werden: die Geschichte über die Begegnung zwischen dem Zöllner Zachäus und Jesus. Viele von uns kennen diese Erzählung sogar schon aus Kindertagen. Und dabei ist diese bekannte Begegnung nur beim Evangelisten Lukas überliefert, kommt im Neuen Testament also nur bei ihm vor. Ihrer Berühmtheit und Eindrücklichkeit hat dies keinen Abbruch getan.

Aber ihre Bekanntheit hat nicht unbedingt dazu beigetragen, dass wir dieser Erzählung besonders aufmerksam zuhören und ihrer Tiefe und ihrem Bedeutungsgehalt wirklich nachspüren. Wenn wir sie hören, schalten wir oft schon gleich ab, meinen wir doch, sie in- und auswendig zu kennen und schon alles zu wissen.

Trotzdem hat der Kirchentag sie zur Bibelstelle der heutigen Bibelarbeit erwählt. Und dafür bin ich sehr dankbar. Denn die biblischen Erzählungen sind eine besondere Form, uns eine Wahrheit über den Menschen, über die Welt zu eröffnen.

Wahrheiten durch Geschichten erschließen

Die naturwissenschaftliche Wahrheit erschließt sich über Logik, so wie in der Formel 1 + 1 = 2. Das ist die Kategorie von Wahrheit, die sich aus Ursache und Wirkung ergibt. Es gibt aber auch Wahrheiten einer Kategorie, deren Wahrheit sich nur erschließt, wenn man eine Geschichte erzählt. Wie und warum ich mich in jemanden verliebt habe, kann man nur erschließen, wenn man diese Liebesgeschichte erzählt.

So macht es auch die Bibel, die die grundlegenden Wahrheiten über das Menschsein in Erzählungen verdichtet. Und weil diese Erzählungen so besonders, so tiefgreifend, ja archetypisch sind, dürfen wir sie auch nicht banalisieren. Auch die Begebenheit zwischen Zachäus und Jesus ist so eine Erzählung.

Und deshalb möchte ich Sie einladen, dass wir uns nochmals ganz neu auf diese Geschichte einlassen, auch wenn sie uns allen schon so bekannt vorkommt. Dort heißt es:

„Jesus kam nach Jericho und ging durch die Stadt. Da gab es”‚ – im griechischen Text heißt es hier pointierter: idou, siehe, bei Fridolin Stier sogar: und da! – „einen Mann mit Namen Zachäus. Er leitete das Zollunternehmen und war reich. Er wollte unbedingt Jesus sehen und wissen, wer das ist. Es gelang ihm aber nicht wegen der Menschenmenge, denn er war klein von Statur. Er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum [Sykomore], um ihn sehen zu können, denn dort sollte er vorbeikommen. Als Jesus an die Stelle kam, sah er ihn an und sagte: ‚Beeil dich, komm herunter, denn heute muss ich in deinem Haus bleiben.’

Er beeilte sich herunterzukommen und nahm ihn voll Freude auf. Als die Leute das sahen, regten sich alle auf: ‚Bei einem Verbrecher ist er zu Gast.’ Zachäus stellte sich hin und sagte zum Herrn: ‚Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel abgepresst habe, gebe ich es vierfach zurück.’

Jesus sagte ihm: ‚Heute ist die Gemeinschaft in diesem Haus gerettet worden, denn auch dieser ist ein Nachkomme Abrahams.’ Der Mensch Jesus ist gekommen, um das Verlorene zu suchen und zu retten.

Es ist kein Wunder, dass diese Bibelstelle einen so hohen Bekanntheitsgrad hat.

Sie lebt von den vielen spannenden Gegensätzen: der Repräsentant des Staats beziehungsweise der Besatzungsmacht und der Wanderprediger, der kleine Mann und die große Menschenmenge, oben auf dem Baum und unten auf dem Weg, hochklettern und heruntersteigen, der reiche Zöllner und der arme Gast, Ausbeutung und Wiedergutmachung, Ausgrenzung und Gemeinschaft.

Ein Geschichte voller Gegensätze

Diese vielen Gegensätze macht die Geschichte so bildhaft und eindrücklich – gerade auch für Kinder. Selber noch klein, konnten wir den kleinen Zöllner damals gut verstehen. Und natürlich hat uns als Kinder besonders imponiert, wie pfiffig er war, um an sein Ziel zu kommen und Jesus sehen zu können.

Und dann hat die Geschichte trotz aller Gegensätze auch noch ein Happy End: Aus der Begegnung der beiden ungleichen Menschen wird für den einen die Erfahrung seines Lebens. Der böse Zöllner bereut seine Taten und krempelt sein Leben um, er wird ein guter Mann; und er wird nicht mehr länger ausgegrenzt, sondern ist wieder Teil der Gemeinschaft. Kein Wunder also, dass die Geschichte bei Kindern – und auch bei uns Erwachsenen – so gut ankommt.

Sehen und Gesehenwerden

Aber noch etwas anderes macht die Erzählung bemerkenswert: Es geht um das Sehen und das Gesehenwerden. Das ist ja auch der Grund, warum dieser Text für diesen Kirchentag, ausgesucht wurde; denn es geht in diesen Tagen ja um das Thema „Du siehst mich“. Immerhin in sechs der zehn Verse kommt das Wort „sehen“ vor: „Siehe, der Zöllner Zachäus. Als er hört, dass Jesus kommt, will er ihn sehen. Er steigt auf den Baum, um Jesus sehen zu können. Jesus sieht zu ihm hoch. Als die Menschen das sehen, ärgern sie sich. Und schließlich sagt Zachäus: Siehe, Herr, ich mache es wieder gut.”

Auf die Bedeutung dieses Sehens und Gesehenwerdens möchte ich nachher nochmals zurückkommen. Zum besseren Verständnis möchte ich aber zunächst auf einige wichtige Hintergründe eingehen.

Da ist zunächst das damalige Zollsystem zu nennen. Wir dürfen das nicht mit unserem heutigen staatlichen Zollwesen als Steuerungsinstrument des Außenhandels vergleichen. Es war aber auch keine Steuer zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben.

Das Zollwesen zu Zeiten Jesu

Nein, die damaligen Herrscher sicherten sich mit den rigiden und umfänglichen Abgaben ihre eigene Machtstellung. Mit den Abgaben konnten sie das Militär finanzieren und Gefälligkeiten für ihren Clan und andere Günstlinge bezahlen.

Um diese Abgaben einzutreiben, gab es aber nicht genügend staatliche Verwaltungskräfte. Aus diesem Grund wurde das Abgabenwesen zum Teil privatisiert. Die privaten Lizenznehmer beziehungsweise Abgabenpächter zahlten dem Herrscher also eine Pacht und gingen so gegenüber dem Staat in finanzielle Vorleistung. Da oft Lizenzen für ganze Regionen vergeben wurden, waren das zum Teil beträchtliche Pachtbeträge, die einzelne Personen gar nicht aufbringen konnten. Also schlossen sie sich zu Gesellschaften zusammen.

Wenn die Einzelpächter oder die Pachtgesellschaften ihre Lizenz hatten, holten sie sich das Geld von der Bevölkerung zurück: durch Steuern, Mautgebühren und Zölle. Und natürlich vergoldeten sie sich dieses Geschäft und nahmen einen gehörigen Aufschlag beim Eintreiben der Abgaben. Sie mussten schließlich auch selber von etwas leben. Zachäus dürfte Chef einer solchen lokalen Gesellschaft gewesen sein.

Das System der privatisierten Abgabenpacht ernährte also die Herrschenden und die privaten Lizenznehmer. Nur bei der Bevölkerung kam nichts an. Im Gegenteil: Für sie war das Abgabensystem eine enorme und erdrückende Belastung. Und nahm den Menschen oft ihre Lebensgrundlage, denn nachhaltig war dieses System nicht. Denn den Pächtern war meist egal, was nach ihrer Pachtzeit passierte. Entsprechend verhasst waren die Abgabeneintreiber.

Dass die Leute den Zachäus also nicht vorließen, ihn schnitten und über das freundliche Verhalten Jesu ihm gegenüber empört waren, ist also durchaus verständlich. Und dass man die Machenschaften des Zachäus als Erpressung, Ausbeutung und Gewalt empfand, auch.

Die Bedeutung des Maulbeerbaums

Das führt mich zu einem zweiten geschichtlichen Hintergrund, der meines Erachtens für das Verständnis dieser Erzählung bedeutsam ist. Zachäus klettert ja auf einen Maulbeerfeigenbaum, auf Griechisch Sykomore. Und als Zachäus kurz darauf die Wiedergutmachung ankündigt, nennt er seine früheren Taten – wir erinnern uns – „abpressen“, auf Griechisch sykophantein.

Da haben wir also den gleichen Wortstamm: Sykomore und sykophantein. Das ist sicher kein Zufall. Denn Lukas war ein gebildeter Mensch und sehr sprachgewandt. Das Wort Sykomore setzt sich aus sykon „Feige“ und moron „Brombeere“ zusammen. Daher der deutsche Begriff Maulbeerfeigenbaum, eine Wildfeige. Das Wort sykophantein wiederum leitet sich aus den Worten sykon „Feige“ und phaino „ich zeige, bringe ans Licht“ ab.

Im antiken Athen wurden diejenigen „Sykophanten“ genannt, die geschäftsmäßig reiche Mitbürger erpressten, indem sie sie mit Verleumdungen in Misskredit brachten. Plutarch führt die Bezeichnung Sykophant, also „Feigenanzeiger“, darauf zurück, dass er ursprünglich Leute bezeichnet habe, die andere wegen verbotener Ausfuhr von Feigen denunzierten.

Wichtig ist mir aber eine andere Assoziation: In der Begegnung mit Jesus kommt der Ausbeuter und Sykophant Zachäus von seiner Sykomore, seinem Baum des Reichtums, des Überflusses und der Selbstbezogenheit herunter. So wie er von der Sykomore herabsteigt, so steigt er auch aus dem Abpressen, dem sykophantein aus.

Andere wahrnehmen, ernstnehmen, aufnehmen

Ich habe vorhin bereits erwähnt, dass die Erzählung vom Zöllner Zachäus nur im Lukas-Evangelium überliefert ist. Wie andere Sonderüberlieferungen auch, ist sie Teil seines theologischen Programms, das er verfolgt.

Jesus spürt den Blick des Zachäus, seine vordergründige Neugier, aber auch sein tiefer liegendes Suchen nach Wertschätzung und Anerkennung, nach Orientierung und Sinn. Und er wendet sich dem Zöllner zu: trotz des Abstands, trotz der Menschen, trotz des Unmuts. Er sieht Zachäus, nimmt ihn ernst und befähigt ihn so, selber Verantwortung zu übernehmen. Und Zachäus zieht die Konsequenz und richtet sein Leben neu aus.

Das ist es, was uns Lukas sagen möchte: Jesus ist der, der zu den Randständigen dieser Gesellschaft geht, zu den Verhassten, den Rechtlosen, den Marginalisierten, den Verlierern. Indem er auf diese Menschen zugeht, die von allen anderen links liegen gelassen, gemieden und verstoßen werden, offenbart er Gottes unbedingte, also bedingungslose Liebe zu den Menschen. So bewegt er diese Menschen zur Umkehr und eröffnet ihnen den Weg in die Gemeinschaft. Und lebt vor, was Christsein bedeutet: den Anderen wahrnehmen, ernstnehmen, aufnehmen.

Das Miteinander und Zusammenleben der Menschen

Ich möchte es bei diesen kurzen historischen, sprachlichen und theologischen Hinweisen belassen, da ich selber kein Theologe bin. Ich bin jedoch als Politiker gefragt worden. Und als solcher möchte ich Ihnen gerne meine Überlegungen vorstellen. Das mag überraschen. Denn auf den ersten Blick wird in der Erzählung ja nichts Politisches verhandelt. Und dennoch gibt die Erzählung von Zachäus und Jesus auch in politischer Hinsicht einiges her. Sie verrät viel über das Miteinander und Zusammenleben der Menschen – und darum geht es ja in der Politik.

Zunächst einmal: Zachäus ist reich und mächtig; das politische System hat ihn nach oben gespült. Wir würden heute sagen: Er ist ein Profiteur der Privatisierung, also des Umstands, dass der damalige Staat hoheitliche Aufgaben wie den Abgabeneinzug an Privatleute vergeben hat. Diese konnten und – aufgrund ihres persönlichen wirtschaftlichen Risikos – mussten Profit machen. Und haben dabei gerne auch mal das Gemeinwohl aus dem Blick verloren. Wie Zachäus, der sich an den Menschen bereichert.

Ganz oben und doch ganz klein

Wir kennen so etwas heute auch: Vorstände, die riesige Boni oder Altersbezüge einstreichen, obwohl ihre Verdienste um das Unternehmen durchaus fragwürdig sind; Investmentbanken, die hochriskante Spekulationen machen, das Risiko aber bei Sparern und Steuerzahlern abladen möchten; Politiker, die glauben, dass der freie Markt grundsätzlich alles besser regeln würde und sogar Kernbereiche wie die Daseinsvorsorge privatisieren wollen.

Aber mir geht es an dieser Stelle gar nicht so sehr um solche ordnungspolitischen Fragen. Mir ist ein anderer Aspekt wichtig. Zachäus hat es zu etwas gebracht; er hat Einfluss und ist ganz oben angekommen. Aber er ist klein. Wohl nicht nur äußerlich, sondern auch wie er sich fühlt – ein Kleingeist, der nur auf Geld und Macht aus ist; einsam, von niemanden gemocht; vielleicht auch ängstlich, unsicher.

Ausschau halten nach anderen, die uns helfen können

Das führt mich zu der Frage, wie wir gegenüber anderen Menschen mit unseren persönlichen Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten umgehen, mit unserem inneren Kleinsein. Können, dürfen wir eingestehen, dass wir auch manches Mal Zweifel haben, überfordert sind? Die Frage gilt natürlich auch für Menschen im politischen Leben. Haben wir dann wie Zachäus den Mut, auf den Baum zu klettern? Also Ausschau zu halten nach anderen, die womöglich uns helfen können?

Eigene Unzulänglichkeiten zu erkennen und auch einzugestehen – auch als Politiker! –, ist für mich keine Schwäche. Umgekehrt gilt natürlich auch, dass ich zugestehen muss, dass auch andere Menschen Fehler machen. Fairness im Umgang mit Fehlern anderer ist in der Politik leider ganz unüblich. Gerade in der Politik reiten wir gern auf den Fehlern der anderen herum, weil wir uns davon Vorteile erhoffen. Auch die Medien. Das führt zu einer Fehlervermeidungskultur. Nötig wäre aber eine Innovationskultur, eine Risikokultur, in der man eine zweite Chance bekommt, nicht denselben Fehler zu machen. Zur Endlichkeit des Menschen und der Welt gehört, dass wir immer auch an unsere Grenzen stoßen, dass wir Fehler machen.

Gott wird es fügen

Umgekehrt ist die Politik nicht das Feld, große Utopien auszumalen. Sondern es geht darum, eine Vision zu haben und auf dem Weg ihrer Erreichung „auf Sicht zu fahren“, konkret und realistisch zu bleiben und die Ziele Schritt für Schritt anzugehen. Der Philosoph Karl Popper nannte diese Haltung „Stückwerk-Technologie“. Wir müssen uns also vor Überforderung und überzogenen Ansprüchen hüten, gegenüber anderen und uns selbst. Der vielbeschworene Politikverdruss hat auch darin seine Quelle, überzogene Ansprüche an Politik und Politiker zu haben. Als Christ – und gerade auch als Christ mit politischer Verantwortung – darf ich glauben: Gott wird das, was wir fragmentarisch versuchen, zu einem Ganzen zusammenfügen. Gott wird es fügen. Da bin ich mir sicher. An uns aber liegt es, das Mögliche auch zu tun und die kleinen Schritte auch tatsächlich zu gehen – in der Politik wie daheim.

Anleitung zum Initiative ergreifen

Ein zweites: Zachäus ist klein. Aber er will Jesus unbedingt sehen. Also klettert er auf einen Baum. Zachäus hätte auch unten bleiben und lamentieren können: über seine geringe Körpergröße; über die, die ihm die Sicht versperren; über Jesus, der keinen anderen, besser einsehbaren Weg gewählt hat. Aber nein, er klettert auf einen Baum. Er ergreift die Initiative; er wird selber aktiv, um sein Anliegen umzusetzen. Er verschafft sich einen Überblick, um das, was ihn antreibt, zu finden und zu erreichen.

Das sollten wir unbedingt mitnehmen aus diesem anrührenden und starken Bild, dass dieser kleine Zachäus auf einen Baum klettert, um Jesus zu sehen. Irgendwie kommen wir uns doch alle so klein vor, wenn wir die großen Probleme der Welt sehen: die großen Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich, etwa zwischen Europa und Afrika, Flucht und Migration, grassierender Fundamentalismus und seine Folgen, der schnelle Klimawandel und die Langsamkeit der Gegenmaßnahmen, ein dramatischer Artenrückgang weltweit.

Und sich trotzdem aufraffen und innerlich hochklettern. Denn nur dann gewinnen wir Überblick und Übersicht. Und nur wenn wir Überblick und Übersicht gewinnen, können wir die Gegenkräfte orten, können wir die Kräfte finden, die die Umkehr einleiten. Und dann sehen wir – jetzt erweitere ich die Geschichte, denn seither sind 2.000 Jahre vergangen –, dass wir nicht die einzigen sind, die hochgeklettert sind. Denn wenn alle die, die hochgeklettert sind, die Gegenkräfte orten, wenn sie sich um die gemeinsam erkannte Idee zusammenschließen, dann kann aus der Gegenkraft auch eine Gegenmacht entstehen, die heilt und rettet.

Blick für die am Rand, die Stillen, Unscheinbaren, Abgedrängten

Ein drittes: Jesus schaut zu Zachäus hinauf. Und der beeilt sich herunterzukommen. Es gibt auch die, die nicht so aktiv sind, die sich nicht bemerkbar machen, sich nicht von alleine melden. Sehen wir als Politiker nur die Menge, die Mehrheiten, die, die sich nach vorne drängen, die Lauten, die Beredten, die gut Organisierten? Oder haben wir auch einen Blick für die am Rand, die Stillen, Unscheinbaren, Abgedrängten? Die, die sich nur zehn Minuten in der Woche mit Politik beschäftigen, also der Durchschnitt; und nicht wie wir selber, die wir uns zehn Minuten in der Woche nicht damit beschäftigen.

Damit meine ich nicht die, die ihre vermeintliche Benachteiligung zelebrieren. Die laut schreien, sie seien das Volk, und dabei selber andere ausgrenzen. Nein, ich meine die Menschen, die sich durch die Globalisierung, den wirtschaftlichen und technischen Wandel und die kulturellen Umbrüche überfordert fühlen; vor dem enormen Tempo etwa, mit dem die Digitale Revolution alle Lebensbereiche umwälzt.

Die Menschen, die ehrliche Sorgen um ihre Zukunft haben und die ihrer Kinder. Die sich krummlegen und trotzdem kaum Perspektiven sehen. Die ihren oft nicht einfachen Alltag meistern und schauen müssen, wie sie durch den Tag, den Monat, das Jahr kommen. Die die ungleichen Chancen erleben müssen, die soziale Benachteiligung, das finanzielle Gefälle, die unterschiedlichen Spielregeln zwischen denen „da oben“ und ihnen „da unten“. Die gekränkt sind, weil ein tief verwurzeltes Gerechtigkeitsgefühl verletzt wird, oder die Überfremdungsängste haben.

Sehe ich den Zachäus auf dem Baum?

Sehen, hören wir diese Menschen? Lassen wir ihrem Zweifel Raum, hören wir uns ihre Sorgen an? Versuchen wir, uns in den Standpunkt dieser Menschen zu versetzen? Und bemühen wir uns umgekehrt – gerade auch wir Politiker, ihnen unsere Sicht der Dinge verständlich zu machen? Oder sehen wir über sie hinweg?

Anders gesagt: Sehe ich den Zachäus auf dem Baum? Das erfordert ja den Blick weg aus dem Hauptstrom, dem Mainstream. Und gebe ich ihm die Chance herunterzukommen? Leider gelingt es uns in der Politik nicht immer, an den Menschen dranzubleiben, den Kontakt zu halten. Anders als Jesus, der zu Zachäus sagt: „Ich muss in deinem Haus bleiben.“

Unzivilisierter Streit macht aus Gegnern Feinde

Deshalb ist eine Politik des Gehörtwerdens so wichtig; eine Politik, die die Bürgerinnen und Bürger an Entscheidungsprozessen beteiligt, sie einbezieht – nicht nur die, die sich gut organisieren können. Die fragt, wo der Schuh drückt. Und erklärt. Und eine Sprache spricht, die alle verstehen. Aber ohne sich anzubiedern. Denn gehört zu werden, heißt eben nicht, immer auch erhört zu werden.

Umgekehrt ist es aber auch wichtig, zivilisiert zu streiten. Unzivilisierter Streit macht aus Gegnern Feinde und spaltet. Nur zivilisierten Streit können wir aushalten. Ein solcher Politikstil ist mitunter anstrengend. Aber lohnenswert!

Das führt mich zum vierten Punkt: Jesus kehrt bei Zachäus ein; er will eine Beziehung aufbauen. Aber die Leute regen sich auf. Wie oft erleben wir es, dass wir bei einer Sache wirklich guten Willens sind. Aber dann stoßen wir auf Kritik und machen es keinem recht. Gerade in der Politik ist das Erregungspotenzial riesig; nicht nur, weil es eben zu allem unterschiedliche politische Haltungen geben kann. Sondern auch, weil der politische Protest gerne zelebriert wird. Und weil wir bei tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Fehler des politischen Gegners gerne gleich „Skandal!“ rufen.

Treue zu den eigenen Werten

Wenn solcher politischer Gegenwind kommt: Stehen wir zu unseren Überzeugungen, unseren Werten, auch wenn die Stimmung wechselt? Kehren wir wie Jesus trotzdem bei Zachäus ein? Wer politische Macht auf Zeit verliehen bekommt, muss zeigen, dass er das Vertrauen der Wähler verdient. Aber man kann es verdient wie unverdient verlieren. Als Politiker wird man nicht an seinem guten Willen, sondern an den Ergebnissen gemessen.

Und dazu braucht es Überzeugung, Standfestigkeit, Kontinuität und Entschiedenheit. Braucht es Haltung und Verlässlichkeit; und Treue zu den eigenen Werten. Auch, wenn sich mal – wie in unserer Erzählung – alle aufregen. Es braucht aber auch Glück, fortune oder – religiös gesprochen – Segen. Politik ist auch einem gerüttelt Maß an Kontingenz, an Zufall ausgesetzt. Es liegt eben nicht alles in unserer Hand und unserem Vermögen.

Wir müssen uns aber auch an die eigene Nase fassen und fragen, ob wir nicht oft genug selber diese murrenden Leute sind. Weil wir meinen, nur unsre Sicht der Dinge sei die richtige, und nicht akzeptieren können, dass es auch andere begründete Sichtweisen gibt. Weil wir glauben, das Recht sei immer auf unserer Seite, und nicht ertragen können, wenn unsere Eingabe abgelehnt wird. Weil wir überzeugt sind, wir seien die Guten, und übersehen, dass wir selber nicht das leben, was wir von anderen fordern.

Der Sinn von Politik ist Freiheit

Jesus dagegen empört sich nicht – nicht über Zachäus, nicht über die Leute. Er moralisiert auch nicht. Jesus sagt nicht: Mach dies, lass jenes! Das ist toll, jenes ist schlecht! Auch wir sollten deshalb nur sehr sparsam damit umgehen, den Menschen zu sagen, was sie tun sollen – auch nicht als Politiker. Sondern Perspektiven aufzeigen und positive Rahmenbedingungen setzen. Und die Menschen motivieren, selber zu entdecken, was das für ihr eigenes Verhalten heißen könnte. Schließlich ist der Sinn von Politik Freiheit (Hannah Arendt).

So wie Jesus, der Zachäus den Raum lässt, selber zu erkennen, was in seinem Le-ben schief läuft und wo er neu ansetzen muss. Und deshalb ist es auch Zachäus selbst, der ankündigt, dass und wie er sein Leben ändert. Denn darum geht es: Da, wo uns das Leben hinstellt, müssen wir Verantwortung übernehmen – für uns, für andere, für das Ganze. Da können wir nicht bloß auf die anderen zeigen. Da müssen wir schon selber ran.

Und noch ein letztes: Zachäus kündigt an, die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben; und von seinem betrügerischen Gewinn das Vierfache zu erstatten. Das wirkt auf den ersten Blick nicht gerade großzügig. Hatte Jesus nicht an anderer Stelle von einem Reichen verlangt, alles zu verkaufen und es den Armen zu geben? Und auch die vierfache Entschädigung ist gerade einmal Mittelmaß; da gab es in der römischen Rechtspraxis durchaus höhere Ansprüche. Von radikaler Umkehr und Systemwechsel also keine Spur – könnte man meinen

Zachäus grundsätzliche Lebenswende

In Wahrheit ist es aber so, dass Zachäus damit seine bisherige Existenzgrundlage aufgibt. Bei den Herrschenden ruiniert er damit seinen Ruf als verlässlicher Vertragspartner. Er verletzt schließlich die Spielregeln in der Oberschicht, wenn er seinen Reichtum als ungerechtfertigt zugibt und den Armen hilft. Wer will ihm da noch ein Pachtgebiet anvertrauen? Und in der Bevölkerung verliert er sein Image als hart durchgreifender Repräsentant der Staatsmacht. Wie will er da noch Eindruck machen und Druck ausüben? Dass er also einen Teil seines Vermögens behält, ist schlichtweg die Absicherung seiner weiteren Existenz. Denn mit seiner Vorgehensweise ist er erst einmal arbeitslos.

Die Umkehr des Zachäus ist also durchaus tiefgreifend; er vollzieht eine grundsätzliche Lebenswende. Aber er agiert nicht selbstzerstörerisch, sondern nachhaltig. Relevanz und Radikalität sind eben nicht dasselbe. Es braucht viel schwäbische Dialektik, um sich großen Zielen in kleinen Schritten zu nähern. Trotz einer langen politischen Lebenserfahrung hören die politischen Lernkurven nicht auf.

Meine aktuellste sind die anvisierten Fahrverbote wegen hoher Feinstaub- und Stickoxidbelastung für die Stadt Stuttgart. Da stoßen sich Interessen und Ansichten hart im Raum, von denen ich manche vorausgesehen und beachtet habe, andere eben nicht. So eine Maßnahme kann schnell zu Verwerfungen führen, die man nicht vermutet hätte. Wie etwa ein Einfahrverbot in die Innenstadt von Stuttgart, für Autos mit Abgasnorm schlechter als Euro 6, an wenigen Tagen im Jahr, wenn die Grenzwerte für Schadstoffe überschritten werden.

Bohren von harten und dicken Brettern

Trotzdem empfanden das viele als Vertrauensbruch, die erst vor zwei Jahren ein Auto gekauft haben und nun Sorge hatten, dass es nichts mehr wert sei. Aber siehe da, plötzlich bewegt sich etwas, Nachrüstungen sind wohl doch möglich, und das Ziel der besseren Luft kann dann auf andere Weise erreicht werden.

An den großen Zielen festzuhalten, die wir uns zurecht setzen, aber auch anzunehmen, dass unsere geplanten Wege nicht unbedingt dahin führen, sondern wir oft andere suchen und auch Umwege gehen müssen, das ist immer wieder ein Bohren von harten und dicken Brettern.

So wie bei Zachäus: Er hat sein Leben neu ausgerichtet, aber er blieb danach noch handlungsfähig. Hätte er alles hingeworfen, alles verteilt, wäre er selber arm und hilfsbedürftig geworden. Das wäre kurzfristig eindrucksvoll gewesen und hätte auch kurzzeitig geholfen, aber eben nicht nachhaltig. Indem er umsichtig gehandelt und nicht gleich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat, hat er die Voraussetzungen für einen neuen Kurs geschaffen; nicht ideal vielleicht, aber akzeptabel. Nicht umsonst ruft ihm deshalb Jesus zu: „Heute ist die Gemeinschaft in diesem Haus gerettet worden.“

Lassen Sie mich zum Schluss kommen. Ich hoffe, es hat sich nicht nur für mich gelohnt zu versuchen, den tieferen Sinn der doch sehr bekannten Geschichte vom Zöllner Zachäus zu erspüren. Und ich hoffe, ich konnte zeigen, dass es eine einfache, aber keine banale Geschichte ist. Sondern eine Erzählung, die eine besondere Wahrheit zum Vorschein bringt, eine Erzählung, die uns etwas über uns und unsere Welt offenbart. So wie das sehr viele biblische Erzählungen tun, denen wir leider viel zu wenig Beachtung schenken.

Jesu befreiende und heilende Zuwendung

Sie können die Geschichte auch ganz anders deuten als ich. Unsere Heilige Schrift immer wieder in unseren Welthorizont oder unser persönliches Leben hineinzudeuten, ganz persönlich – das kann seit Luther jeder, auch jeder Katholik. Insofern passt das ganz gut zum 500-jährigen Reformationsjubiläum.

Der Kern der Zachäus-Erzählung aber ist klar: Es handelt sich um eine Erzählung von Jesu befreiender und heilender Zuwendung, von der Bekehrung eines Sünders, von Gottes Menschenfreundlichkeit. Da offenbart sie so manches, was auch für unser gesellschaftliches Zusammenleben und unser politisches Handeln heute bedeutsam ist. Denn sie wirft ein erhellendes Licht auf das, was unser zwischenmenschliches Miteinander ausmachen sollte: Verständnis und Nachsicht, Engagement, Aufmerksamkeit, Überzeugung, Verbindlichkeit und Offenheit.

Das sind Bausteine, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Oder wie es Jesus formulierte: „die Gemeinschaft in diesem Haus retten“. Achten wir also sorgsam auf diese Bausteine. Sie sind nicht selbstverständlich und erodieren gerade. Und tun wir alle miteinander – jeder an seinem Platz – unser Bestes, dass sie angesichts der großen Herausforderungen auch in Zukunft unsere Gesellschaft, unser „Haus“ tragen.

Es gilt das gesprochene Wort!


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