Coronalage

Warum es jetzt noch zu früh für breite Lockerungen ist

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Ein Schild mit der Aufschrift „Bitte draußen warten – Sie werden einzeln hereingebeten!“ und weiteren Verhaltensvorgaben weist Kunden in einem Friseursalon über die neu geltenden Regeln im Salon aufgrund der Corona-Pandemie hin.

Seit Weihnachten sind die Inzidenzzahlen in Baden-Württemberg stark gesunken. Da ist es verständlich, dass es jetzt Rufe nach Lockerungen gibt. Wir erklären, warum es jetzt noch zu früh für großflächige Lockerungen der Corona-Maßnahmen ist.

Es ist richtig, dass sich die Infektionszahlen in Baden-Württemberg in den vergangenen Wochen erfreulich nach unten entwickelt haben. Lagen wir um Weihnachten noch weit über dem Bundesschnitt, haben wir Stand 3. Februar 2021 bundesweit die niedrigste 7-Tage-Inzidenz. Da ist es verständlich, dass es Forderungen gibt, einige oder alle Beschränkungen jetzt wieder aufzuheben.

Aber der alleinige Blick auf die fallende 7-Tage-Inzidenz greift leider zu kurz, wir müssen auch andere Faktoren im Blick behalten. Aber zur Erinnerung: schon im vergangenen Jahr, war eine 7-Tage-Inzidenz von mehr als 50 „Alarmstufe Rot“. Schaut man sich die Zahlen aus dem Herbst an, sieht man, wie innerhalb weniger Wochen die 7-Tage-Inzidenz auf über 200 geschossen ist. Der sogenannte „Lockdown Light“ im November hat leider nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Zwar konnte ein weiterer steiler Anstieg der täglichen Neuinfektionen gestoppt werden, aber die Zahlen verharrten auf hohem Niveau. Erst der harte Lockdown im Dezember und Januar hat eine Trendumkehr und in Baden-Württemberg sinkende Zahlen gebracht.

Schutzmaßnahmen ergänzen sich gegenseitig

Das ist die Leistung von allen Bürgerinnen und Bürgern, die sich im Alltag möglichst an die Beschränkungen gehalten haben. Ohne Immunität in der Bevölkerung ist die Kontaktreduktion das effizienteste Mittel, das Virus einzudämmen. Dort wo sich Kontakte nicht vermeiden lassen, sind weiter Abstand, Maske, Hygiene und in geschlossenen Räumen regelmäßiges Lüften ein wirksamer Schutz vor dem Virus. Je mehr Schutzmaßnahmen wir in solchen Situationen ergreifen, desto wirksamer ist der Schutz. Das „Schweizer-Käse-Modell“ erklärt das sehr eindrücklich.

Wenn wir jetzt lockern, steigt natürlich die Zahl der Kontakte, die wir mit anderen Menschen haben wieder an und damit zwangsläufig auch die Situationen, in denen das Virus sich wieder verbreiten kann. Derzeit liegen wir in Baden-Württemberg bei einem effektiven Reproduktionswert (R) von etwa 0,9. Was es mit dieser Zahl auf sich hat, wird hier einfach und verständlich erklärt. Das heißt die Zahlen sinken, was sehr gut ist, aber sie sinken zu langsam. Bei aktuellem Tempo würden wir landesweit die 50er-Schwelle bei der 7-Tage-Inzidenz erst gegen Ende Februar unterschreiten.

Eine Öffnung zum jetzigen Zeitpunkt würde bei steigenden Kontakten also dazu führen, dass der effektive R-Wert wieder ansteigt. Ab einem Wert von > 1,0 steigen die Infektionszahlen und damit die 7-Tage-Inzidenz wieder an. Dabei handelt es sich um eine Exponentialfunktion. Die Zahlen steigen also nicht gleichmäßig an (jeden Tag kommt immer die gleiche Zahl an Infektionen dazu), sondern die täglichen Neuinfektionen verdoppeln sich alle X Tage.

Bei einem effektiven R-Wert von 1,4 würden sich die täglichen Neuinfektionen alle sieben Tage verdoppeln. Hätten wir heute 1.000 tägliche Neuinfektionen, wären es sieben Tage später 2.000 weitere sieben Tage später 4.000, dann 8.000, 16.000 und so weiter. Die Entwicklungen in Großbritannien, Irland oder aktuell in Portugal zeigen, wie schnell das gehen kann

Dann ließen sich die Infektionen nur mit sehr drastischen und langwierigen Maßnahmen wieder eindämmen. Die genannten Länder sind jetzt aber immer noch weit davon entfernt, um zu sagen, die Lage sei unter Kontrolle.

Die Mutationen lassen die Infektionen wieder ansteigen

Die Entwicklung in den drei genannten Ländern hängt auch damit zusammen, dass die stärker ansteckende Virusmutation B.1.1.7 dort immer mehr den ursprünglichen Wildtyp von SARS-CoV-2 verdrängt. Es wird davon ausgegangen, dass diese Mutation bei gleichen Schutzmaßnahmen den effektiven R-Wert um 0,3 erhöht. Statt wie jetzt bei ungefähr 0,9 und einem leichten Rückgang, wären wir also bei 1,2 und einem starken Anstieg.

Die täglichen Neuinfektionen würden sich bei diesem R-Wert in weniger als zwei Wochen verdoppeln. Packen wir hier noch den Anstieg von R durch Lockerungen drauf, sind wir schnell wieder bei 1,4 oder noch mehr. Daher ist Abstand nach unten zu einer 7-Tage-Inzidenz von 50 so wichtig, bevor Lockerungen beginnen. Auch in Baden-Württemberg sind die Mutationen inzwischen angekommen. Wir sequenzieren alle positiven PCR-Tests, um bei Ausbrüchen mit den Virusmutationen schneller eindämmen zu können. Aber mittelfristig wird es sich nicht vermeiden lassen, dass sich auch hier diese Variante immer mehr durchsetzt. Auch hier ist das effizienteste Mittel dagegen: Ansteckungen generell zu verhindern.

Das Virus hat sich überall verbreitet

Ein weiterer Punkt ist die Zahl der aktuell mit dem Coronavirus infizierten Menschen. Das Landesgesundheitsamt weist Stand 4. Februar 2021 immer noch mehr als 24.000 aktive – und damit ansteckende – Fälle aus. Darin nicht enthalten sind die Fälle die unentdeckt bleiben, weil sie symptomlos sind oder eine infizierte Person nur milde Symptome hat und sich daher vielleicht nicht testen lässt. Zudem steht zu vermuten, dass mit den kürzlich zugelassenen Selbsttests zukünftig immer mehr Positiv-Fälle gar nicht erst in der Statistik auftauchen. Die Dunkelziffer würde also wachsen.

Die Infektionen lassen sich in den meisten Fällen nicht auf bestimmte Cluster zurückführen, wie etwa Pflegeheime, Betriebsstätten etc., was eine Eindämmung durch Quarantäne und Testung leichtmachen würde. Viel mehr sehen wir, dass das Virus überall ist, sich also diffus verbreitet. Bei dem überwiegenden Teil der Infektionen lässt sich nicht nachvollziehen, wo sich eine Person angesteckt hat. Haben wir wieder mehr Kontakte und/oder weniger Schutzmaßnahmen, birgt dies natürlich die Gefahr, dass sich schnell wieder sehr viele Menschen anstecken können. Damit können wir keine Kontrolle mehr über das Infektionsgeschehen bekommen. Mehr Fälle bedeutet auch zwangsläufig mehr schwere und tödliche Verläufe und eine weitere übermäßige Belastung der Krankenhäuser.

Wenn die Krankenhäuser voll sind, ist es zu spät

Steigt die Dunkelziffer, kann das auch dazu führen, dass wir in der Statistik fallende Zahlen sehen, obwohl wir in der Realität dann aber schon wieder im exponentiellen Wachstum sein könnten. Das gilt insbesondere dann, wenn wir – wie seit Wochen – R-Werte nahe 1,0 haben. Das würde sich dann zeigen, wenn sich die Krankenhäuser weiter füllen, dann wäre es aber zu spät. Von der Ansteckung bis zur Einlieferung ins Krankenhaus vergehen zwei bis drei Wochen. Wir sehen hier also immer nur die Situation, wie sie vor zwei bis drei Wochen war.

Es ist verständlich, dass viele – vor allem Dienstleister und der Einzelhandel – schnell wieder öffnen möchten, weil es ihnen an die Existenz geht. Aber mittelfristig wäre die Öffnung nur eine kurzfristige und scheinbare Erleichterung. Denn aus den oben beschriebenen Gründen, wäre die Öffnung nur von sehr kurzer Dauer und wir ständen nach dem Lockdown vor dem nächsten harten und langen Lockdown mit all seinen wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen. Hinzu kommt, dass bei einem sehr hohen Infektionsgeschehen natürlich auch kaum noch jemand entspannt ins Restaurant oder zum Shoppen gehen würde.

Wir müssen weiter vorsichtig sein

Es ist leider auch nicht möglich, zu sagen, wir schützen die Risikogruppen und der Rest geht wieder dem normalen Leben nach. Zu den Risikogruppen gehören laut Bundesgesundheitsministerin 40 Prozent der Bevölkerung. Es kann hier auch an die vielen Einwände und Eingaben erinnert werden, als wir im Frühjahr 2020 für kurze Zeit die Besuche in stationären Pflegeeinrichtungen verboten hatten. Die gesundheitlichen Folgen von Isolation für Menschen, die einer vulnerablen Gruppe angehören sind dabei nicht zu unterschätzen.

Abwenden von schlimmeren Folgen

Dazu kommt: Bei hoher Gesamtinzidenz kann es nicht gelingen, die Pflegeheime und andere Risikogruppen allumfassend zu schützen, denn sie sind nun mal ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Um es mit einem Bild zu beschreiben: wenn der ganze Wald lichterloh in Flammen steht, ist es illusorisch zu glauben, man könne die Waldhütte wirksam vor den Flammen schützen.

Aber auch die Wirtschaft kann eine solche Strategie nicht lange vertragen. Die Krankenstände würden explodieren – viele Infizierte laborieren mehrere Monate an den Folgen einer COVID-19-Erkrankung und fallen entsprechend lange aus. Angehörige müssen in Quarantäne und so weiter und so fort. In diesem Szenario würde das Wirtschaftsleben ebenfalls zum Erliegen kommen und wir müssten einen noch höheren Preis bezahlen.

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Quelle:

/red

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