Kunst und Kultur

Land will Vorbild in der Provenienzforschung werden

Berechne Lesezeit
  • Teilen
Nangolo Mbumba (l.), Vizepräsident von Namibia, und Katrina Hanse-Himarwa (M.), namibische Bildungs- und Kulturministerin, betrachten eine Peitsche, die dem verstorbenen Nationalhelden Hendrik Witbooi gehörte und durch das Land zurückgegeben wurde. (Bild: picture alliance/Johanna Absalom/XinHua/dpa)
Nangolo Mbumba (l.), Vizepräsident von Namibia, und Katrina Hanse-Himarwa (M.), namibische Bildungs- und Kulturministerin, betrachten eine Peitsche, die dem verstorbenen Nationalhelden Hendrik Witbooi gehörte und durch das Land zurückgegeben wurde.

In den baden-württembergischen Museen lagern Kunstschätze aus vielen Jahrhunderten – und aus etlichen Ländern. Nicht immer ist geklärt, wem die Werke einst gehörten und wie sie ihren Weg in die Sammlungen fanden. Eine Datenbank soll einen Überblick verschaffen.

In der Diskussion um den Umgang mit Kolonialobjekten will Baden-Württemberg eine Vorreiterrolle übernehmen und Daten zu Tausenden Werken über eine Online-Sammlung zur Verfügung stellen. „Wir warten nicht, bis die nächste Anfrage kommt“, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. „Wir haben uns der Verantwortung zu stellen und Beiträge dazu zu leisten, dass wir wissen, was in unseren Museen ist und wie es dorthin gekommen ist.“ Die Datenbank des Linden-Museums in Stuttgart solle für die sogenannte Provenienzforschung online zugänglich sein, nach und nach würden sämtliche Sammlungsgegenstände des Hauses darin eingestellt. „Dadurch werden sie der internationalen Community zugänglich gemacht“, sagte die Ministerin.

Bei der Provenienzforschung versuchen Experten, die Herkunft der Ausstellungsstücke und Archivbestände ihrer Häuser zu klären. Ziel ist, die Kulturgüter, die nach heutigen Wertmaßstäben zu Unrecht erworben wurden, entweder zurückzugeben, aufzukaufen oder gemeinsame Kooperationen zu schließen. Dazu überprüfen die Experten in ihren Häusern vorhandene Informationen wie Eingangsdaten und die Preise, zu denen die Stücke eingekauft wurden. Eine mühsame Detektivarbeit, denn meist sind die Bilder oder Skulpturen durch mehrere Hände gegangen, wurden getauscht oder bei Auktionen verkauft. Bauer kündigte an, auch künstliche Intelligenz einzusetzen und große Datenmengen analysieren zu lassen (Big Data), um Licht hinter die Biografien der Werke zu bringen. „Wir gehen das Thema aktiv an“, zeigte sie sich optimistisch. „Das Bewusstsein wächst. Ich glaube, dass wir vorne dran sind.“

Vor einem Jahr erstmals koloniale Kulturgüter aus Afrika zurückgegeben

Zuletzt hatte vor einem Jahr die Rückgabe einer Peitsche und einer Bibel an Namibia für Aufsehen gesorgt. Die beiden Gegenstände gehörten einst Hendrik Witbooi, der seinerzeit den Aufstand der Nama gegen die deutschen Besatzer anführte. Witbooi wird heute als namibischer Nationalheld verehrt. Beide Objekte waren seit mehr als 100 Jahren im Stuttgarter Linden-Museum aufbewahrt worden. Das Land hatte damit erstmals koloniale Kulturgüter aus Afrika zurückgegeben.

Aus der Rückgabe hätten sich weitere Kooperationen ergeben, sagte Bauer. „Nun arbeiten wir mit Archiven, Universitäten, mit Museen und im Schulbereich bei der Aufarbeitung der Schulbücher zusammen. Es gibt breit angelegte Kooperationen, die uns die Menschen in Namibia wirklich näherbringen.“ Die Rückgabe sei nicht „das Ende eines Kapitels, es ist der Anfang einer neuen Kooperation“. Es seien weitere gemeinsame Projekte im Bereich Wissenschaft und Kultur aufgesetzt, um die Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten.

Eine weitere konkrete Rückgabe von Kulturgütern durch das Land stehe derzeit nicht an, sagte Bauer. Es lägen aber Anträge vor. „Ich glaube nicht, dass wir am Ende dieser Geschichte angekommen sind“, sagte sie. Auch warte das Ministerium auf die Ergebnisse der Untersuchung zweier Schädel aus dem Naturkundemuseum Karlsruhe. Allerdings sei eine Rückgabe nicht das einzige Instrument im Umgang mit Objekten aus kolonialer Vergangenheit. Kulturgüter könnten auch zurückgekauft oder gemeinsam präsentiert werden.

Online-Sammlung des Bundes könnte Vorbild sein

Vorbild für eine Datenbank zu Kolonialobjekten könnte die schon bestehende Online-Sammlung Lost Art des Bundes sein, in der Hunderte Gemälde verzeichnet sind, die vom Bund aufbewahrt werden. Unter anderem untersuchen die Kunsthalle Mannheim und das Badische Landesmuseum in Karlsruhe ihre Bestände systematisch nach NS-Raubkunst. Ziel des Projekts ist es, möglichst lückenlos die Besitzerwechsel aller vor 1946 entstandenen Kunstwerke zu klären.

Auch das Württembergische Landesmuseum hat mehrere Fundsachen in die Lost-Art-Datenbank eingestellt, darunter eine Münze, eine Astronomische Turmuhr aus Augsburg und einen Silberbecher der Metzgerzunft zu Esslingen. „Wir prüfen jedes Werk auf seine Provenienz, auch wenn wir es neu aus privatem Besitz oder einem Erbe erhalten haben“, erklärt Katharina Küster-Heise, die am Museum die Bestände des älteren Kunsthandwerks von 1500 bis 1850 betreut und erforscht. „Deshalb wäre für uns eine Datenbank nach dem Vorbild von Lost Art und spezialisiert auf ethnologische Kulturgüter sicher eine Hilfe.“

Von Martin Oversohl, dpa

Pressemitteilung: Langfristiger Austausch mit Afrika

Pressemitteilung: Namibia-Initiative des Landes

Deutsches Zentrum Kulturgutverluste: Lost Art-Datenbank

Quelle:

dpa

Weitere Meldungen

Grüne Woche 2026
Landwirtschaft

Baden-Württemberg bei der Grünen Woche 2026 erleben

Eine Frau tippt auf einem Tablet. Daneben liegt ein Smartphone.
GesellschaftsReport BW

Vielfältige Angebote zur Stärkung der Medienkompetenz

Gedenkstätte der Heimatvertriebenen in Bad Cannstatt.
Kulturerbe im Osten

Jahresbilanz 2025 des Landesbeauftragten für Vertriebene und Spätaussiedler

Symbolbild: Symbolbild: Ein Passant geht an dem Logo der Agentur für Arbeit vorbei. Das Bundesverfassungsgericht hat am Dienstag, 5. November 2019, sein Urteil zu Leistungskürzungen für unkooperative Hartz-IV-Bezieher verkündet. (Bild: picture alliance/Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa)
Bürgergeld

Hoffmeister-Kraut unterstützt geplante Bürgergeld-Reform

Freilichtspiele auf einer Treppe
Kunst und Kultur

Land stärkt Festspiele mit zusätzlich 320.000 Euro

Übergabe von Breitbandförderbescheiden
Breitbandausbau

Land unterstützt Breitbandförderung mit über 231 Millionen Euro

Pressekonferenz LKA zu Terrorgram
Sicherheit

Kriminologische Studie zur deutschen „Terrorgramszene“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (links) überreicht den Sternsingerinnen und Sternsingern eine Geldspende.
Aktion Dreikönigssingen

Kretschmann empfängt Sternsingergruppen

Eine Frau bedient die Smartphone-App eines Onlinehändlers. (Foto: © dpa)
Marktüberwachung

Mehr Schutz bei Online-Einkäufen

Eine Sozialarbeiterin führt in der Landeserstaufnahme für Asylbewerber in Karlsruhe eine Beratung mit einem Flüchtling durch.
Migration

Landkreis Karlsruhe erfolgreich bei Arbeitsgelegenheiten für Geflüchtete

Landtagsgebäude von Baden-Württemberg in Stuttgart.
Landtagswahl

Landeswahlausschuss lässt 21 Landeslisten zu

Ein Haus, dessen Grundgerüst aus Holz besteht, steht in einem Tübinger Neubaugebiet. (Bild: picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa)
Baurecht

Bauen mit Holz wird erleichtert

Schmeck den Süden
Ernährung

Genussführer 2026 vorgestellt

Ein Logo des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Forschung

Baden-Württemberg tritt Allianz zur Fusionsforschung bei

Ein Prüfstandshandwerker begutachtet am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ein Raketen-Triebwerk
Wirtschaftsnahe Forschung

9,7 Millionen Euro für Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt