Digitalisierung

Innovation in der rechts­medizinischen Betreuung von Kindern nach Gewalt

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Symbolbild: Schatten von Händen einer erwachsenen Person und dem Kopf eines Kindes sind an einer Wand eines Zimmers zu sehen. (Bild: dpa)

Das Land fördert innovative Wege in der rechtsmedizinischen Betreuung gewaltbetroffener Kinder mit 1,8 Millionen Euro. Telemedizin und Augmented-Reality-Technologie sollen die Zusammenarbeit zwischen Kinderärzten und Rechtsmedizinern erleichtern.

Wenn Ärztinnen und Ärzte, aber auch Fachkräfte der Jugendämter mit Verletzungen von Kindern konfrontiert werden, deren Ursache zweifelhalt ist, ist vor allem eine schnelle und richtige Einordnung dieser Verletzungen erforderlich. Eine Schlüsselrolle bei der Erkennung von Gewalt und der Klärung, wie die Verletzungen entstanden sind, kommt dem Fachgebiet der Rechtsmedizin zu. Deshalb ist die enge Zusammenarbeit zwischen Kinderärzten und Rechtsmedizinern für die Ersteinschätzung entscheidend – aber an vielen Orten im Land ist sie kaum vorhanden.

Flächendeckende Versorgung gewaltbetroffener Kinder

„Gerade, wenn wir spezialisiertes Fachwissen brauchen, das aber in wenigen Zentren konzentriert ist, kann die Digitalisierung helfen – weil sie Fachwissen im ganzen Land verfügbar macht“, sagte Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha. Im Rahmen der Strategie „Digitalisierung in Medizin und Pflege“ habe sein Haus deshalb das Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg damit beauftragt, das Modellprojekt „ARMED – Augmented Reality assisted, forensic Medical Evidence collection and Documentation“ durchzuführen.

„Unser gemeineinsames Ziel ist, die Grundlage für eine flächendeckende fachkompetente Versorgung gewaltbetroffener Kinder in Baden-Württemberg zu schaffen“, so Lucha weiter. Das Land stelle aus Mitteln der Landesdigitalisierungsstrategie digital@bw rund 1,8 Millionen Euro für die Entwicklung, Durchführung und Evaluation des Vorhabens bereit.

Computergestützte Erweiterung der Realität

Augmented Reality bezeichnet die computergestützte Erweiterung der Realität. So können reale Objekte mit Zusatzinformationen belegt werden, wenn man sie mit dem Smartphone oder anderen mobilen Geräten betrachtet, zum Beispiel Operationsbesteck oder Organe und Gefäße bei einem Eingriff. Mithilfe der Telemedizin und der Augmented-Reality-Technologie sollen Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmediziner von Heidelberg aus Untersuchungen anleiten, die in dafür besonders qualifizierten Zentren im Land durchgeführt werden. War es wirklich der Sturz vom Wickeltisch, der gegenüber den behandelnden Ärzten berichtet wurde? Sind die Striemen tatsächlich durch die Katze entstanden oder vielmehr durch Schläge mit einem Gegenstand?

„Kinderärztinnen und -ärzte sind mit der Beantwortung dieser Fragen oft überfordert, da rechtsmedizinische Beurteilungen nicht zu ihrem Fachgebiet zählen. Sie in dieser verantwortungsvollen Aufgabe zu entlasten und unser rechtsmedizinisches Fachwissen an Orte zu bringen, an denen es dringend benötigt wird, ist Hauptziel unseres Projekts ARMED“, erklärt die Ärztliche Direktorin des Instituts für Rechts- und Verkehrsmedizin Prof. Dr. med. univ. Kathrin Yen, die das Konzept initiiert hat und das Vorhaben leiten wird.

Ortsunabhängig und in Echtzeit dabei

Im Projekt ARMED sollen mehrere Pilotstandorte an Kliniken in Baden-Württemberg eingerichtet, für das neue Verfahren ausgerüstet und qualifiziert werden. Die untersuchenden Kinderärztinnen und Kinderärzte an den Pilotstandorten tragen künftig während der Untersuchung Datenbrillen, die die erhobenen Befunde an eine Expertin oder einen Experten aus der Rechtsmedizin übermitteln. Diese Begleiterin oder dieser Begleiter kann die Untersuchung in Echtzeit wortwörtlich „mit den Augen des untersuchenden Arztes“ verfolgen.

Sie oder er soll nach Abschluss der Befunderhebung die fachliche rechtsmedizinische Einschätzung vornehmen und diese an die untersuchende Ärztin/ den untersuchenden Arzt weitergeben. Letztere/Letzterer erhält zudem unter Nutzung der Augmented-Reality-Technologie Anleitung zur fachgerechten forensischen Durchführung der Untersuchung, der gerichtsfesten Dokumentation und Spurensicherung.

Digitalisierung soll vernetzen, nicht ersetzen

„Vernetzung und Zusammenarbeit sind für ein modernes und zukunftsfähiges Gesundheitswesen unabdingbar“, betonte Minister Lucha die Bedeutung des Angebots. Mit dem auf drei Jahre geplanten Projekt sollen die technischen, methodischen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen und erprobt werden. Begleitend dazu sind Qualifizierungs- und Evaluierungsmaßnahmen vorgesehen. Das Konzept verspreche daher ein zukunftsweisendes Modell zu sein, um mit Digitalisierung die Versorgung von Patientinnen und Patienten abseits der Universitätskliniken zu verbessern, so auch die Facheinschätzung des Beirats Digitalisierung in Medizin und Pflege. Es handelt sich um eines von 24 Modellprojekten im Rahmen der Strategie „Digitalisierung in Medizin und Pflege“.

Gerade für von Misshandlungen und sexueller Gewalt betroffene Kinder ist eine frühzeitige Untersuchung und zugleich spezialisierte verfahrensunabhängige Beweissicherung von größter Bedeutung. „Denn häufig stammen die Täterinnen und Täter aus dem engsten Umfeld des Kinders und sind daher regelmäßig in der Lage, die Beweissicherung zumindest erheblich zu erschweren“, so Minister Lucha. Ein großer Vorteil liege auch darin, dass durch eine Beweissicherung, die für verschiedene Verfahren verwertbar sei, den betroffenen Kindern Mehrfachuntersuchungen erspart blieben. Das Modellprojekt ist bereits ein erster Schritt zur Umsetzung einer der zahlreichen Empfehlungen der von der Landesregierung unter dem Vorsitz des Sozial- und Integrationsministers eingesetzten Kommission Kinderschutz.

Digitalisierung in Medizin und Pflege Baden-Württemberg: Modellprojekt ARMED

Sozialministerium: Digitalisierung in Medizin und Pflege

digital@bw

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