Kunst und Kultur

Ahnenbild kehrt nach 250 Jahren zu den Māori zurück

Die Universität Tübingen gibt das kunstvoll geschnitzte Ahnenbild an die Māori in Neuseeland zurück. Der britische Seefahrer James Cook hatte es vor gut 250 Jahren nach Europa gebracht.

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Māori-Gemeinschaft Te Aitanga-a-Hauiti mit dem Ahnenbild „Pou der Hinematioro“
Ahnenbild „Pou der Hinematioro“

Das „Pou der Hinematioro“ genannte Ahnenbild verkörpert die lebendige Präsenz der Herrscherin Hinematioro. Sie lebte vor gut 250 Jahren, zur Zeit von James Cook erster Landung, in Neuseeland und galt als charismatische Führungsfigur. Der britische Seefahrer und seine Crew brachten das „Pou der Hinematioro“ 1771 nach London. Von dort gelangte es über Umwege in die Ethnologische Sammlung der Universität Tübingen. Die Universität Tübingen gibt es vermutlich im März 2026 an die Māori-Gemeinschaft Te Aitanga-a-Hauiti zurück.

Das Pou ermöglicht eine spirituelle Verbindung zu den Ahnen

Das Pou ist einen Meter hoch und 33 Zentimeter breit und wurde aus rotem Tatara-Holz mit Steinwerkzeugen geschnitzt. Es zeigt eine stehende Figur, Ornamente und kunstvoll geriffelte Muster umspielen Zunge, Gesicht und Körper. Ein Pou hat bei den Māori seinen Platz im heiligen Versammlungshaus wharenui und ermöglicht eine spirituelle Verbindung zu den Ahnen. Die gute Erhaltung des Pou der Hinematioro und die Verbindung der Gemeinschaft zu der Skulptur über Kontinente und Jahrhunderte hinweg machen die Skulptur einzigartig.

Historische Verantwortung

Wissenschaftsministerin Petra Olschowski sagte: „Nicht nur in unseren Museen, sondern auch in unseren Universitätssammlungen befinden sich noch zahlreiche Kulturgüter aus kolonialen Kontexten, die in heute nicht mehr vertretbarer unethischer Weise erworben wurden. Ich bin froh, dass sich die Gremien der Universität ihrer historischen Verantwortung bewusst sind und eine Rückgabe der Skulptur beschlossen haben. Damit werden zugleich die Voraussetzungen dafür geschaffen, den partnerschaftlichen Dialog mit der Community und Partnern in Neuseeland weiterzuführen.“

Die Rektorin der Universität Tübingen, Prof. Dr. Karla Pollmann, sagte: „Das Pou und seine Geschichte hat zu einer langjährigen Beziehung zwischen der Māori-Gemeinschaft Te Aitanga-a-Hauiti und der Universität Tübingen geführt. Diese Beziehung wollen wir auch in die Zukunft hinein pflegen und einen positiven Beitrag zur Rückgabe von Museumsstücken in Länder mit Kolonialgeschichte leisten.“

Victor Walker, der Sprecher der Māori-Gemeinschaft Te Aitanga-a-Hauiti, sagte: „Das Pou repräsentiert unsere Herrscherin Hinematioro und die Reihe ihrer Ahnen bis zum Beginn unserer Zeit als Gemeinschaft. Das Pou verbreitet Lebenskraft mauri. Wenn wir es berühren oder in seiner Nähe sind, spüren wir den Atem und die Präsenz unserer Ahnen und fühlen uns lebendig.“ Die Gemeinschaft ist in Ūawa an der Ostküste der Nordinsel zuhause und verfügt wie jede Māori-Gemeinschaft über mehrere Pous in ihrem Versammlungshaus.

Wie kam das Pou an Bord der Endeavour?

Der britische Seefahrer James Cook landete am 8. Oktober 1769 in Neuseeland. In den zwei Tagen nach Ankunft erschoss seine Mannschaft mehrere Māori und segelte anschließend in die 60 Kilometer weiter nördlich gelegene Ūawa-Bucht. Dort wurden sie von den Te Aitanga-a-Hauiti und ihrer damaligen Anführerin Hinematioro friedlich empfangen. Wie genau das Pou auf James Cooks Schiff Endeavour gelangte, konnte bis heute nicht geklärt werden.

James Cook kehrte 1771 mit dem Pou an Bord nach London zurück. Die Holzskulptur der Ahnin wurde später einem Privatsammler in Wien vermacht und von dort 1937 der Ethnologischen Sammlung der Universität Tübingen, wo es für Jahrzehnte in Vergessenheit geriet. Der Kustos der Sammlung, Dr. Volker Harms, entdeckte in den 1990er Jahren die Skulptur wieder, erforschte seine Herkunft und nahm Kontakt nach Neuseeland auf. „Wir konnten kaum glauben, dass das Pou all die Jahre und Reisen überstanden hatte“, erinnert sich Victor Walker an das Wiederauftauchen des Pou. 2008 reiste die erste Delegation der Te Aitanga-a-Hauiti nach Tübingen, darunter Victor Walker, und erwies dem Pou ihre Reverenz.

Debatte über Herkunft von Kulturgütern

In den Folgejahren entwickelte sich weltweit eine Debatte um die Herkunft von Kulturgütern in europäischen Museen. Viele Kulturgüter waren während der Kolonialzeit durch Gewalt in den Besitz europäischer Sammler und Museen gelangt und wurden von lokalen Gemeinschaften und den Regierungen ihrer Länder zurückgefordert. Delegationen der Te Aitanga-a-Hauiti besuchten regelmäßig das Pou in Tübingen – was die Bedeutung der Skulptur unterstreicht. 2019 beschlossen beide Seiten eine vorläufige Leihgabe. Ab Oktober 2019 befand sich das Pou der Hinematioro wieder für ein paar Monate im Versammlungshaus der Te Aitanga-a-Hauiti in Ūawa.

2024 stellte die neuseeländische Regierung ein formales Restitutionsbegehren. Noch einmal besuchte Victor Walker mit einer Delegation im Oktober 2025 das Pou in Tübingen. Auch eine Schulklasse reiste mit. Die Māori führten einen Haka, den traditionellen Tanz der Māori, im Museum auf Schloss Hohentübingen auf, wo das Pou derzeit Herzstück der gemeinsam kuratierten Ausstellung „Te Pou o Hinematioro. Celebrating Māori Heritage, Culture and Connection“ ist. Die Ausstellung schließt am 29. März 2026.

„Wir freuen uns über die baldige Rückkehr des Pou nach Neuseeland“, sagt Professor Ernst Seidl, Direktor des Museums der Universität Tübingen MUT. „Für die Te Aitanga-a-Hauiti hat das Pou eine viel größere Bedeutung als für uns. Wir haben dieses Thema bei vielen Kulturgütern, forschen intensiv dazu und werden Rückgaben auch von anderen Kulturgütern in die Wege leiten, sobald die Herkunft geklärt ist.“

Südwestrundfunk: Ein Stück Māori-Identität in Tübingen: Museum zeigt Schätze aus Neuseeland

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