Resozialisierung

Positive Erfahrungen bei Projekt zur Wiedereingliederung von älteren Gefangenen

Symbolbild: Im Strafvollzug sind immer mehr Menschen inhaftiert, die bereits 60 Jahre oder älter sind. (Bild: picture alliance/Swen Pförtner/dpa)

Im Strafvollzug sind immer mehr Menschen inhaftiert, die bereits 60 Jahre oder älter sind. Das 2018 gestartete Projekt zur landesweiten Wiedereingliederung von älteren Gefangenen hilft Betroffenen, sich nach oft jahrelanger Inhaftierung besser zurecht zu finden. 

Seit 2018 gibt es das Projekt zur landesweiten Wiedereingliederung von älteren Gefangenen im Land. Es richtet sich an ältere Gefangene, die nach der Entlassung nicht ohne fremde Hilfe leben können sowie an Gefangene, die pflegebedürftig sind. 

Bundesweit einzigartiges Projekt – erste Erfahrungen sehr positiv

Justizminister Guido Wolf sagte bei der Vorstellung erster Erfahrungen aus dem Projekt: „Die demographische Entwicklung spiegelt sich auch im Justizvollzug wider. Die Anzahl der älteren Gefangenen im baden-württembergischen Strafvollzug steigt derzeit stetig an. Daher braucht es ein solches Projekt zum Übergang aus der Haft in Pflege und Betreuung. Das Projekt zur Wiedereingliederung alter Gefangener ist bundesweit einzigartig und die ersten Erfahrungen damit sind sehr positiv.“

Projektträger ist der Verein Projekt Chance. Dessen Arbeit ist darauf ausgerichtet, Straffälligen Unterstützung bei der Eingliederung in ein Leben ohne Straftaten zu geben. Vorsitzender Prof. Dr. Ulrich Goll, Justizminister a.D. sagte: „Der Verein Projekt Chance hat sich mit seinen bisherigen Projekten sehr erfolgreich um junge und erwachsene Gefangene sowie deren Familien gekümmert. Ein Engagement speziell für alte Gefangene lag für uns – auch angesichts der demographischen Entwicklung – deshalb auf der Hand und rundet unser Vereinsangebot mehr als ab. Unser Ziel war und ist es, alte Menschen im Strafvollzug im Übergang von der Haft in die Freiheit zu unterstützen und insbesondere eine dauerhafte Anschlussunterbringung sicherzustellen. Ich bin sehr froh, dass viele alte Gefangene durch das Projekt wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden konnten und wir einen Beitrag zu Resozialisierung und Opferschutz leisten.“

Entlassungsloch ist für ältere Gefangene tiefer

Finanziert wird das Projekt über die Baden-Württemberg Stiftung und die LECHLER-Stiftung. Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung, erläuterte: „Ältere Strafgefangene sind häufig sozial isoliert, haben vermehrt gesundheitliche Probleme und sind nach ihrer Haftentlassung auf spezielle, zum Teil pflegerische, Unterstützung angewiesen. Mit dem Projekt ‚Wiedereingliederung von älteren Gefangenen‘ wollen wir diesen Menschen einen möglichst reibungslosen Übergang aus der Haft in ein geordnetes Leben in Freiheit ermöglichen.“ Heinz Gerstlauer, Vorstand der LECHLER-Stiftung, sagte: „Die LECHLER Stiftung fördert in der Regel Projekte, die es zum Ziel haben, die Lebensqualität von Menschen in besonderen Lebenslagen zu erhalten oder zu steigern. Ältere und pflegebedürftige Gefangene, die vor der Haftentlassung stehen, benötigen ein gutes Entlass-, und Übergangsmanagement, so dass sie in Freiheit gut leben können, integriert und versorgt sind.“

Die konkrete Umsetzung des Projekts liegt in den Händen des Netzwerks Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mitgliedsverbände des Netzwerks, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie pädagogische Kräfte, betreuen die Gefangenen im ganzen Land. Das Netzwerk Straffälligenhilfe hat in enger Abstimmung mit dem Ministerium der Justiz und für Europa fünf Koordinierungsstellen, in Böblingen, Karlsruhe, Ludwigsburg, Offenburg und Stuttgart, eingerichtet. Diese stellen eine flächendeckende Beratung und Betreuung von älteren inhaftierten Menschen in Baden-Württemberg sicher.

Generalstaatsanwalt Achim Brauneisen, Sprecher des Netzwerks Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg, sagte: „Für keine Gruppe ist das Entlassungsloch so tief wie für alte Gefangene. Das Netzwerk Straffälligenhilfe baut Brücken mittels Beratung, Betreuung und Nachsorge. Wir dürfen alte Menschen nach Jahren im Strafvollzug nicht sich selbst überlassen. Bei keiner Gruppe fällt der Hilfebedarf für ein Leben in Freiheit derart unterschiedlich aus wie bei alten Gefangenen. Unser Projekt setzt deshalb auf individuelle Unterstützungsleistungen.“

80 Betreuungsfälle in 22 Monaten abgeschlossen

Nach 22 Monaten Laufzeit wurden rund 80 Betreuungsfälle abgeschlossen. Die sich stellenden Fragen fielen sehr unterschiedlich und individuell aus. Erforderlich waren beispielsweise das Sicherstellen medizinischer Versorgung nach der Haft, die Mitwirkung bei der Feststellung von Pflegegraden oder die Anregung rechtlicher Betreuung. Als Anschlussunterbringung konnten für die Gefangenen Plätze insbesondere in betreuten Wohnformen, in eigenen Wohnungen sowie in Pflegeheimen vermittelt werden.

Sozialinspektorin Anna-Roxanne Unruhe vom Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg sagte vor diesem Hintergrund: „Das Projekt „Wiedereingliederung älterer Gefangener“ ist für den Justizvollzug ein wichtiger Kooperationspartner im Sinne einer erfolgreichen Resozialisierung.“ Und Johannes Weißer von der Koordinierungsstelle Fortis des Netzwerks Straffälligenhilfe Baden-Württemberg fügte an: „Das Projekt „Wiedereingliederung von älteren Gefangenen“ ist für mich ein unverzichtbarer Baustein bei der Beratung und Begleitung von älteren gefangenen. Hierbei erhalten Menschen unbürokratisch und schnell Hilfe, die ihnen über die Haft hinaus Beratung, Begleitung und Unterstützung in ihrer schwierigen Lebenssituation sichert.“

Projektpartner

Tabelle: Gefangene über 60, in Prozent am Gesamtanteil (ohne U-Haft)

Jahr: Strafgefangene und Sicherungsverwahrte insgesamt: Davon 60 Jahre und älter: Anteil der 60-jährigen und älter in Prozent
1993 5.002 92 1,8 Prozent
1994 5.258 82 1,6 Prozent
1995 5.274 91 1,7 Prozent
1996 5.502 119 2,2 Prozent
1997 5.672 119 2,1 Prozent
1998 5.947 137 2,3 Prozent
1999 6.064 131 2,2 Prozent
2000 6.137 133 2,2 Prozent
2001 5.891 149 2,5 Prozent
2002 6.116 175 2,9 Prozent
2003 6.230 150 2,4 Prozent
2004 6.347 164 2,6 Prozent
2005 6.262 188 3,0 Prozent
2006 6.391 171 2,7  Prozent
2007 6.452 204 3,20 Prozent
2008 6.326 189 3,0 Prozent
2009 6.076 235 3,0 Prozent
2010 5.955 240 4,0 Prozent
2011 5.906 240 4,1 Prozent
2012 5.677 226 4,0 Prozent
2013 5.591 239 4,3 Prozent
2014 5.267 248 4,7 Prozent
2015 5.051 245 4,9 Prozent
2016 5.028 243 4,8 Prozent
2017 5.437 236 4,3 Prozent
2018 5.472 260 4,8 Prozent

Im Dezember 2019 waren 5.491 Strafgefangene und Sicherungsverwahrte, hiervon 284 über 60-jährige beziehungsweise 5,2 Prozent, im hiesigen Justizvollzug untergebracht.

v.l.n.r.: Erzbischof Stephan Burger (Erzdiözese Freiburg), Staatsministerin Theresa Schopper, Landesbischof Dr. Frank Otfried July (Evangelische. Landeskirche Württemberg), Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Landesbischof Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh (Evangelische Landeskirche Baden) und Generalvikar Dr. Clemens Stroppel (Diözese Rottenburg-Stuttgart) (Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg)
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