Kunst und Kultur

Baden-Württemberg bringt Witbooi-Bibel und Peitsche zurück nach Namibia

Familienbibel von Hendrik Witbooi, erbeutet von deutschen Eroberern beim Sturm auf Hornkranz 1893 (© Linden-Museum Stuttgart, Dominik Drasdow).

Mit der Rückgabe der Witbooi-Bibel und Peitsche stellt sich Baden-Württemberg seiner kolonialen Vergangenheit und geht damit einen wichtigen Schritt im Prozess der Versöhnung. Die beiden Objekte werden im Rahmen einer Delegationsreise an den Präsidenten der Republik Namibia überreicht.

„Es ist für Baden-Württemberg eine historische Verpflichtung, die Familienbibel und Peitsche Hendrik Witboois zurückzugeben. Beide Objekte des bedeutenden Nama-Kapteins und Kämpfers gegen den Kolonialismus sind von höchstem symbolischen Wert für die Menschen in Namibia. Mit der Rückgabe gehen wir einen wichtigen Schritt im Prozess der Versöhnung. Das Land stellt sich seiner kolonialen Vergangenheit, zugleich begründen wir mit Namibia eine starke Partnerschaft für die Zukunft“, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer im Vorfeld der fünftägigen Delegationsreise nach Namibia, die am Montagabend (25. Februar) startet.

Die Ministerin führt gemeinsam mit Staatssekretärin Petra Olschowski eine rund 20-köpfige Delegation aus Politik, Kunst und Wissenschaft sowie zudem Vertretern der Medien an. Der Präsident der Republik Namibia, Dr. Hage Geingob, wird Bibel und Peitsche am Donnerstag (28. Februar) persönlich von Wissenschaftsministerin Bauer entgegennehmen. Gerechnet wird mit rund 2.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Rückgabe ist ein Ereignis von größter nationaler Bedeutung. Erwartet werden zum Staatsakt auch der Gründungspräsident der Republik, Dr. Sam Nujoma, und der ehemalige Präsident Hifikepunye Pohamba, der Parlamentspräsident Peter Katjavivi, die Premierministerin Saara Kuugongelwa-Amadhila sowie weitere Mitglieder der Regierung und des Parlaments, Vertreter der Herkunftsgesellschaft und der Familie Witbooi.

Die Familienbibel und Peitsche aus dem Besitz Hendrik Witboois wurden sehr wahrscheinlich im Jahr 1893 von deutschen Kolonialtruppen bei einem Angriff auf Hornkranz, dem Hauptsitz Witboois, erbeutet. Dabei waren diese mit größter Brutalität vorgegangen und haben auch viele Frauen und Kinder ermordet. Beide Objekte sind im Jahr 1902 als Schenkung in das heute von Land und Stadt Stuttgart getragene Linden-Museum gekommen. Hendrik Witbooi war während der deutschen Kolonialzeit in Namibia „Kaptein“ und einer der wichtigsten Anführer der Nama-Gruppen. Er ist heute ein Nationalheld Namibias, dem durch zahlreiche Denkmäler gedacht wird.

Mit der Rückgabe von Bibel und Peitsche beginnt die Umsetzung der Gesamt-strategie des Landes zum Umgang mit seinem kolonialen Erbe. „Die Rückgabe kolonialer Objekte als Ausgangspunkt für einen intensiven Dialog und neue, intensive Partnerschaften mit den Herkunftsgesellschaften – das ist der baden-württembergische Weg, mit unserem kolonialen Erbe umzugehen“, so Bauer. Ziel sei, die Kolonialgeschichte gemeinsam aufzuarbeiten und Kooperationsprojekte ins Leben zu rufen, an denen Museen, aber auch Hochschulen und Archive beider Länder beteiligt sind. Erste Workshops der Projektpartner finden in der kommenden Woche in Windhoek statt.

Die Delegation

Begleitet werden Ministerin und Staatssekretärin von den Landtagsabgeordneten Nicole Razavi und Gabi Rolland und dem Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, Prof. Dr. Markus Hilgert. Die Stadt Stuttgart wird vertreten durch die Leiterin der Abteilung Außenbeziehungen, Nadia vom Scheidt. An der Reise nehmen außerdem unter anderem teil die Leiterin des Linden-Museums Stuttgart, Prof. Dr. Inés de Castro, die Leiterin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Prof. Dr. Sandra Richter, die Vize-Präsidentin des Landesarchivs Dr. Nicole Bickhoff, die Leiterin der Akademie Schloss Solitude, Elke aus dem Moore sowie Prof. Dr. Bernd-Stefan Grewe und Prof. Dr. Johannes Grossmann von der Universität Tübingen, Prof. Dr. Bernd Kortmann von der Universität Freiburg und Prof. Dr. Reinhart Kößler und Prof. Dr. Suanne Kuß von der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

In Windhoek stehen zunächst politische Termine an beim namibischen Vize-Präsidenten Nangolo Mbumba und Kulturministerin Katrina Hanse-Himarwa. Gemeinsame Projekte werden u.a. gestartet im Nationalarchiv, in dem auch Briefe Hendrik Witboois aufbewahrt werden, und an der Universität von Namibia.

Feierliche Übergabezeremonie am Witbooi-Familiensitz in Gibeon

Die Übergabe der Kulturobjekte und feierliche Rückgabe-Zeremonie wird nicht in der Landeshauptstadt Windhoek, sondern im Süden Namibias in Gibeon stattfinden – dem Stammsitz der Familie Witbooi und Siedlungsgebiet vieler Nama-Gruppen. „Wir haben sehr gerne dem Wunsch der Familie Witbooi entsprochen, Bibel und Peitsche an diesem symbolischen Ort in Gibeon zurückzugeben. Wir freuen uns, dass Vertreter der Familie zugestimmt hat, die beiden Objekte an den namibischen Staat zurückzugeben, damit diese auch weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich sein werden“, sagte Ministerin Bauer.

Zur Vorbereitung der Rückgabe hat eine baden-württembergische Delegation unter Leitung von Staatssekretärin Petra Olschowski im Herbst 2018 Namibia besucht und Gespräche mit offiziellen Regierungsvertretern, mit Vertretern der Herkunftsgesellschaft Nama und mit Angehörigen der Witbooi geführt. Vertreter der Familie haben bei den Gesprächen ausdrücklich erklärt, dass sie angesichts der nationalen Bedeutung Hendrik Witboois mit einer Abgabe der Objekte in staatliche Obhut einverstanden sind. Die Bibel kommt nach Auskunft der namibischen Stellen zunächst ins Nationalarchiv, wo auch Briefe Hendrik Witboois aufbewahrt werden, die Peitsche ins Nationalmuseum, bis in Gibeon ein Museum gebaut wurde.

Bibel und Peitsche

Bei der Familienbibel handelt es sich um ein in Nama verfasstes Neues Testament aus dem Besitz von Hendrik Witbooi, mit Eintragungen u. a. von Hendrik Witbooi, Christina Witbooi und Salomo Witbooi. Die Bibel gelangte laut Inventarbuch des Linden-Museums 1893 während eines Angriffs auf Hornkranz, Witboois Hauptsitz, in die Hände deutscher Militärs und später in den Besitz des in Berlin ansässigen Hofrat von Wassmannsdorf. Dieser war zwischen 1895 und 1898 als „kommissarischer Intendant für die Schutztruppe und Chef der Finanzverwaltung“ in „Deutsch-Südwestafrika“ tätig. Die Bibel und die Peitsche kamen 1902 als Schenkung des Hofrats in die Sammlung des Württembergischen Vereins für Handelsgeographie (der Verein ist Gründer des 1911 eröffneten Linden-Museums).

Beide Objekte wurden 2007/08 in der Sonderausstellung „Von Kapstadt bis Windhuk: „Hottentotten“ oder Khoekhoen? Die Rehabilitierung einer Völkergruppe“ anlässlich des 100. Jahrestags des Widerstandskriegs der Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft ausgestellt. Ansonsten waren die Objekte nicht im Linden-Museum ausgestellt. Die Bibel war Leihgabe an das Deutsche Historische Museum zur Ausstellung „Deutscher Kolonialismus“ im Jahr 2016/17.

Objekte aus kolonialem Kontext finden sich insbesondere in den ethnologischen, historischen, archäologischen und naturkundlichen Museen, aber auch in universitären Sammlungen.

Die im Rahmen des mit der Universität Tübingen durchgeführten Provenienzforschungsprojektes „Schwieriges Erbe“ von 2016 bis 2018 untersuchten Regionalbestände des Linden-Museums umfassen zusammen ca. 25.300 Objekte der insgesamt 160.000 Objekte des Museums. Davon entfallen ca. 2.200 Objekte auf Namibia, 6.600 auf den Bestand aus dem Bismarck-Archipel (Papua-Neuguinea) und 16.500 auf Objekte aus Kamerun.

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Rückgaben

Die Republik Namibia hat sich über die deutsche Botschaft in Berlin 2013 an das baden-württembergische Wissenschaftsministerium gewandt und um Rückgabe der Bibel und später der Peitsche gebeten.

Bislang wurden nur wenige koloniale Kulturgüter restituiert. So hat der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf 1996 ein Briefbuch Hendrik Witboois direkt an den namibischen Staatspräsidenten übergeben. Dieses wird heute im Nationalarchiv aufbewahrt, das auch die Bibel zunächst aufnehmen soll. Die Bundesregierung hat im Sommer 2018 die Gebeine von Mitgliedern verschiedener indigener Gemeinschaften ebenfalls an die namibische Regierung übergeben.

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