Reportage

Zurück ins Arbeitsleben

Fiberreeds Saxophonblättchen Foto: Neumann
Fiberreeds Saxophonblättchen werden von Leinfelden-Echterdingen aus weltweit verschickt. Das Unternehmen beschäftigt auch Teilnehmer des Modellprojekts „Passiv-Aktiv-Tausch“.

Baden-Württemberg gilt als innovativste Region Europas und hat mit die niedrigste Arbeitslosenquote Deutschlands. Dennoch gibt es auch hier Menschen, die monate- oder jahrelang keinen Arbeitsplatz finden. Um Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit zu bekommen, hat die die Landesregierung Programme aufgelegt, die speziell auf deren Situation zugeschnitten sind. Wir stellen zwei dieser Programme vor.

Die Idee des „Passiv-Aktiv-Tauschs“ ist einfach: Statt Langzeitarbeitslosen monatlich Arbeitslosengeld II zu überweisen, wird versucht, sie in regulär bezahlte, arbeitsmarktnahe Arbeitsverhältnisse zu vermitteln. Mit den vormals passiven Arbeitslosengeld-II-Leistungen wird nun stattdessen der Arbeitslohn bezuschusst – aktive Teilhabe statt passivem Leistungsbezug heißt das Motto. Mit seinen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen, die einen Mindestlohn von 8,50 Euro berücksichtigen, grenzt sich der Passiv-Aktiv-Transfer ganz bewusst von so genannten „Ein-Euro-Jobs“ ab. Das Modellprojekt läuft seit 2012 in fast allen Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs.

Reguläre Beschäftigung statt „Ein-Euro-Job“

Mithilfe des Programms hat es etwa Driton Bytyqi geschafft, wieder in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu kommen. „Ich habe so viele Bewerbungen geschrieben. Irgendwann habe ich dann vom Jobcenter den Anruf bekommen, dass es da dieses Projekt gibt“, sagt Bytyqi. Er hat sich beworben, seit April 2013 arbeitet er nun in der Produktion bei Fiberreed, einem Hersteller von synthetischen Rohrblättern für Saxophone und Klarinetten in Leinfelden-Echterdingen. Vorher war er in der Zeitarbeit beschäftigt, musste dort aber aufhören, weil seine Arbeitsplätze befristet waren und irgendwann nicht mehr verlängert wurden. „Ich bin froh, dass ich jetzt hier bei Fiberreed bin. Es ist schön, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen“, sagt er heute.

Vermeidbare Kündigungen verhindern

Sein Chef Harry Hartmann hat von seiner Frau vom Projekt Passiv-Aktiv-Transfer erfahren. Er hat dann einen Antrag beim Jobcenter gestellt und gleich mehrere Bewerbungen erhalten. Driton Bytyqi sei der erste Bewerber gewesen, es habe zwischen ihnen „gleich gepasst“. Insgesamt beschäftigt Hartmann derzeit fünf Angestellte, zwei davon sind Teilnehmer des Passiv-Aktiv-Modellprojekts. Alle arbeiten am Standort in Leinfelden-Echterdingen. Dort werden die von Hartmann entwickelten und patentierten Rohrblättchen hergestellt und in alle Welt verschickt. Größter Wachstumsmarkt derzeit ist China, die Geschäftsaussichten sind gut.

Alle paar Wochen kommt eine Betreuerin des Jobcenters in den Betrieb, um zwischen den ehemaligen Langzeitarbeitslosen und dem Arbeitgeber bei eventuellen Problemen zu vermitteln und das Arbeitsverhältnis zu stabilisieren. Auch das ist Teil des Programms. So kann eventuell aufkommenden Konflikten schnell begegnet werden, vermeidbare Kündigungen werden verhindert.

Mit dem von der Landesregierung initiierten Programm konnten in Baden-Württemberg bis Mitte 2013 über 300 vormals Langzeitarbeitslose in eine Beschäftigung vermittelt werden, davon mehr als 180 in der freien Wirtschaft. Da beim Passiv-Aktiv-Transfer lediglich die Mittel verwendet werden, die sonst als passive Leistung nach dem SGB II gezahlt würden, fallen für die Maßnahme kaum zusätzliche Kosten an. Für Driton Bytyqi jedenfalls ist das Programm jetzt schon ein voller Erfolg. „Das sind schöne Zeiten“, sagt er, und verabschiedet sich wieder in die Produktion.

„Drehtür-Effekt“ entgegenwirken

Ein zweites Programm für Langzeitarbeitslose ist NIL – die Abkürzung steht für „Nachhaltige Integration von Langzeitarbeitslosen“. Das Besondere an dem Programm ist, dass die Menschen nicht nur in eine Beschäftigung vermittelt werden, sondern, genau wie beim Passiv-Aktiv-Transfer, auch darüber hinaus weiter begleitet werden. Damit wird dem so genannten „Drehtür-Effekt“ entgegengewirkt, also dem erneuten Rückfall in die Arbeitslosigkeit.

Bei der Lavano GmbH in Karlsdorf-Neuthard lagern etwa 6.000 Produkte in einem 1.000 Quadratmeter großen Hochlager. Das Unternehmen übernimmt als Dienstleister die Lagerung und den Versand für Online-Naturkostläden. Immer wieder beschäftigt Geschäftsführer Hans-Georg Gack auch Mitarbeiter, die ihm von der Caritas in Bruchsal vermittelt werden, dem lokalen Projektträger des landesweiten NIL-Programms.

Die Caritas übernimmt in diesem Fall den zentralen Baustein des Programms: durch eine regelmäßige Betreuung der ehemaligen Arbeitslosen soll berufsbegleitend sichergestellt werden, dass sie mit der für sie oft neuen Situation besser zurechtkommen. Weniger Rückfälle in die Arbeitslosigkeit sind die Folge. „Wir bieten zum einen eine persönliche Betreuung vor der Vermittlung. Da geht es beispielsweise um Motivationssteigerung oder die Angst vor dem ersten Arbeitstag“, so Carina Zoll  von der Caritas in Bruchsal.

Endlich kehrt wieder Alltag ein

Das Besondere am NIL-Programm ist allerdings, dass die Neubeschäftigten auch nach der Vermittlung für sechs Monate weiter betreut werden. Dabei stehen oft scheinbar selbstverständliche Dinge im Mittelpunkt: „Es geht darum, für die Beschäftigten nach der Vermittlung beispielsweise wieder einen Alltagsablauf aufzustellen, Basisdinge neu zu erlernen“, sagt sie. Dazu gehören, neben dem geregelten Arbeitsalltag, auch Hilfe bei Behördengängen oder der Kinderbetreuung. „Wir kümmern uns außerdem auch um die Weiterentwicklung der beruflichen Perspektive“, so Zoll. Ziel sei es, dass die Beschäftigten nach den sechs Monaten Betreuung wieder alles selbst managen könnten. Und auch die Arbeitgeberseite zeigt sich zufrieden mit dem Programm: „Die Zusammenarbeit mit der Caritas funktioniert hier wirklich gut“, so Lavano-Chef Gack.

Sowohl der Passiv-Aktiv-Transfer als auch NIL, das mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds gefördert wird, sind Teil des Landesprogramms für gute und sichere Arbeit. Darüber hinaus umfasst das Programm weitere viele Bausteine, zum Beispiel für alleinerziehende Mütter, Jugendliche, Ältere, Menschen mit Migrationshintergrund, aber auch Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Fast 10.000 Menschen haben mit den unterschiedlichen Fördermaßnahmen bereits eine berufliche Zukunft bekommen.

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