Interview

„Industrie 4.0 ist eine Riesenchance“

Nils Schmid, Minister für Finanzen und Wirtschaft (Foto: dpa)

Die Digitalisierung hält – Stichwort Industrie 4.0 – auch immer mehr Einzug in den Kernfeldern der Südwest-Wirtschaft. „Baden-Württemberg hat eine Riesenchance, ein großer Gewinner von Industrie 4.0 zu sein“, zeigt sich Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid im Interview mit der Südwest Presse überzeugt. Die Landesregierung unterstützt die Unternehmen bei der Digitalisierung mit umfassenden Aktivitäten.

Herr Minister, im März dieses Jahres startete im Land die Allianz Industrie 4.0. Was wurde bisher erreicht?

NILS SCHMID: Es ist zunächst ein ganz wichtiges Zeichen, dass wir als erstes Bundesland überhaupt eine solche Offensive starten und Baden-Württemberg zum Vorreiter dieser Entwicklung machen. Wir haben dazu zwei Arten von Leuchtturmprojekten entwickelt. Das eine ist die anwendungsorientierte Forschung. Zum Beispiel entsteht am Forschungszentrum für Informatik in Karlsruhe ein Zentrum für Datensicherheit, dort können sich Unternehmen beraten lassen. Vor allem die Mittelständler sind in Sorge, dass in der Cloud Daten gestohlen werden könnten.

Wofür steht der zweite Leuchtturm?

SCHMID: Das ist die Qualifizierung für die Zukunft am Beispiel der Lernfabrik 4.0. Die Ausschreibung dafür beginnt noch im Juli. Berufsschulzentren, die ihre Lehrwerkstätten auf die Standards von Industrie 4.0 aufrüsten wollen, können sich dafür bewerben. Das ermöglicht Lehrlingen, aber auch Meisteranwärtern oder Beschäftigten in der Weiterbildung, Erfahrungen mit der neuen Technologie zu sammeln.

Für Günther Oettinger, dem EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft, hängt der Erfolg von Industrie 4.0 maßgeblich von einem europäisch einheitlichen Umgang mit Daten ab. Stimmen Sie ihm zu?

SCHMID: Ja, wir müssen deshalb rasch eine europäische Datenschutzgrundordnung für die Unternehmen, aber auch für die Verbraucher erarbeiten. Wir benötigen aber ebenso dringend gemeinsame, herstellerunabhängige Standards für die Vernetzung der Maschinen. Diese Vorhaben begleiten wir intensiv auf EU-Ebene.

Die Großunternehmen stellen ihre Produktion schon auf Industrie 4.0 um. Wie holt man die kleinen und mittleren Unternehmen ins Boot?

SCHMID: Das ist die entscheidende Herausforderung. Wir zeigen deshalb etwa in der Modellfabrik Arena 2036 am IPA-Institut in Stuttgart-Vaihingen, wie die Autoproduktion der Zukunft aussieht. Zudem bringen wir Anwendungsbeispiele für Industrie 4.0 in die Fläche, um den kleinen und mittelständischen Unternehmen zu zeigen, welche Chancen sich bieten.

Wie geht die Allianz dabei vor?

SCHMID: Wir haben bereits acht so genannte Roadshows veranstaltet. Auf solchen Veranstaltungen erzählen Mittelständler, was es für sie bedeutet, Industrie 4.0 in den betrieblichen Alltag zu integrieren. Die Resonanz ist groß. Der Ansatz war goldrichtig. Wir wollen auch 100 Orte im Land identifizieren, an denen Industrie 4.0 besichtigt werden kann.

Damit helfen Sie den Unternehmern, sich zu orientieren. Aber was ist mit den Mitarbeitern?

SCHMID: Das ist ein ganz zentraler Punkt für uns. Wir kümmern uns gerade auch um die Qualifizierung in den Betrieben und darum, wie sich die Arbeitswelt verändern wird. Dazu veranstalten wir im Oktober eine Konferenz in Stuttgart zur "Arbeit 4.0". Denn der Wandel in der Produktion gelingt nur, wenn wir die Mitarbeiter mitnehmen, wenn sie die Entwicklung nicht als Bedrohung sehen.

Werden die Arbeitsplätze in der Industrie auf dem bestehenden Niveau erhalten bleiben?

SCHMID: Dafür arbeiten wir. Baden-Württemberg hat jedenfalls eine Riesenchance, ein großer Gewinner von Industrie 4.0 zu sein.

Was macht Sie so zuversichtlich?

SCHMID: Bei uns im Land sind die Grundlagen für den Erfolg da wie nirgendwo sonst. Wir haben Knowhow im Maschinenbau und in der Elektrotechnik, in der Informations- und Kommunikationstechnik, der Sensorik, der Photonik, im industriellen Design, und wir haben ein Spitzencluster Mikrosystemtechnik. All das vernetzen wir jetzt durch unsere Allianz 4.0, an der Wirtschaft, Forschung und Gewerkschaft mitarbeiten.

Inwiefern profitiert die Industrie?

SCHMID: Die Digitalisierung der Produktion ermöglicht die wirtschaftliche Herstellung auch von kleineren Stückzahlen bis Losgröße eins, weil das zeitintensive, teure Umrüsten von Maschinen einfacher wird. Dadurch können wir wieder bei Produkten wettbewerbsfähig werden, die nicht zur Massenfertigung taugen. Der 3-D-Druck vermag den Trend noch zu verstärken.

Was ist der Roboter? Nur Helfer oder doch auch Konkurrenz?

SCHMID: Roboter werden vor allem monotone und belastende Tätigkeiten übernehmen. Wir müssen aber darauf achten, dass die Arbeitsverdichtung nicht noch zunimmt. Deshalb hat die Allianz von Anfang an die Arbeitswelt und deren Wandel im Blick, und deshalb ist auch die IG Metall in diesem Bündnis dabei.

Fallen die Ungelernten durchs Netz?

SCHMID: Die Technologie kann Beschäftigte mit geringerer Qualifikation sogar dazu befähigen, kompliziertere Arbeitsinhalte als bisher zu betreuen. Ein Bildschirm erklärt ihnen den Prozess Schritt für Schritt. Solche Beispiele gibt es schon.

Der Ministerpräsident war im Silicon Valley auf Bildungsreise in Sachen Industrie 4.0. Taugen die USA als Blaupause?

SCHMID: Wir müssen einen eigenen Weg finden. Unsere Stärke ist die industrielle Wertschöpfung, die Produktion - dank unseres Mittelstands in der ganzen Fläche des Landes. Die Amerikaner entwickeln aber mit viel Elan neue Geschäftsmodelle. Das müssen wir auch machen, Bei uns geht es im Gegensatz zu den USA aber eher um industrienahe Dienstleistungen.

Das beste Geschäftsmodell nützt nichts ohne verlässlichen und schnellen Datentransfer. Wie steht es um den Breitbandnetzausbau im Land?

SCHMID: Wir haben in den vergangenen Jahren eine Breitbandoffensive gestartet, um das schnelle Internet in die Fläche zu bringen. Im Doppelhaushalt haben wir die Mittel dafür verdreifacht, und wir legen noch mal 40 Millionen Euro aus den Mitteln des Bundes für die Entlastung finanzschwacher Kommunen drauf. Aus der jüngsten Frequenzversteigerung des Bundes erwarten wir über 80 Millionen Euro, die auch in den Breitbandausbau fließen.

Sind Sie selbst ständig online?

SCHMID: Ich nutze die sozialen Medien, bin aber keiner, der jede Sekunde schaut, was sich auf Facebook oder Twitter tut. Ich arbeite aber intensiv mit Smartphone und Tablet, wenn ich unterwegs bin und gewinne so Arbeitszeit. Während Sitzungen und Besprechungen lege ich das Handy aber beiseite. Sonst leidet die Konzentration - und persönliche Gespräche sind ohnehin durch nichts zu ersetzen.

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Quelle: Südwest Presse
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