Flüchtlinge

Für ein gutes Miteinander

Sozialarbeiter Axel Leukhardt vom Deutschen Roten Kreuz unterhält sich mit Asylbewerbern, die in der Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten untergebracht sind (Bild: © dpa).

Weltweit sind Millionen Menschen auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Hunderttausende kommen nach Deutschland, viele auch nach Baden-Württemberg. Von Januar bis einschließlich November 2015 kamen rund 163.000 Menschen in den Südwesten. Das Land hat auf den Anstieg der Flüchtlingszahlen schnell und entschlossen reagiert und die Aufnahmekapazitäten in den Erstaufnahmeeinrichtungen Baden-Württembergs vervierzigfacht. Wir haben uns in einer der Landeserstaufnahmestellen umgesehen.

Das Gelände ist groß, es umfasst knapp 56 Hektar. Ein Zaun umgibt die Anlage, am Tor stoppt ein Schlagbaum den Verkehr, an der Straße gibt es eine Bushaltestelle. Außen herum viel freie Fläche, Äcker, Wiesen und Wälder laden zum Spazierengehen ein. Kleine Gruppen von Menschen gehen ein und aus, zeigen am Tor ihren Ausweis vor. Manche haben Einkaufstüten in der Hand, kommen aus dem nahegelegenen Meßstetten.

Hier, mitten auf der Schwäbischen Alb im südlichen Baden-Württemberg, öffnete in der ehemaligen Zollernalb-Kaserne der Luftwaffe im Oktober 2014 die Landeserstaufnahmeeinrichtung Meßstetten ihre Tore. Sie war eine der ersten zusätzlichen Landeserstaufnahmeeinrichtungen (LEA), die die Landesregierung im Zuge des großen Andrangs von Flüchtlingen eröffnet hat.

Aufnahmekapazitäten vervierzigfacht

Zurzeit sind in der LEA in Meßstetten im Schnitt rund 3.000 Menschen untergebracht. Wie viele andere Erstaufnahmeeinrichtungen ist die LEA damit derzeit überbelegt. Die Landesregierung arbeitet intensiv daran, die Überbelegung zu reduzieren, indem sie zum Beispiel weitere Erstaufnahmekapazitäten schafft.

Gab es 2011 nur eine Erstaufnahmeeinrichtung mit 950 Plätzen in Baden-Württemberg, hat die Landesregierung die Erstaufnahmekapazitäten inzwischen massiv ausgebaut. Heute sind rund 43.000 Flüchtlinge in etwa 30 Einrichtungen im ganzen Land verteilt (Stand: 30. November 2015). Insgesamt hat Baden-Württemberg die Zahl der Erstaufnahmeplätze seit 2011 mehr als vervierzigfacht.

Einbeziehen der Bevölkerung

Die Flüchtlinge sind auch für die Einwohner Meßstettens ein Novum. Deshalb legt Einrichtungsleiter Frank Maier großen Wert darauf, die Bevölkerung einzubeziehen und Aufklärungsarbeit zu leisten. „Die Menschen müssen erkennen, dass es sich bei den Flüchtlingen auch nur um Menschen von nebenan handelt“, erklärt er, „und das schafft man nur durch Transparenz.“

Transparenz war schon der Leitspruch vor Inbetriebnahme der Erstaufnahmestelle. Auf mehreren Informationsveranstaltungen wurden die Bewohner Meßstettens und der Umgebung über die Pläne informiert, konnten dort ihre Fragen stellen, ihre Sorgen und Ängste loswerden.

Persönlicher Kontakt mit den Flüchtlingen

Diese Herangehensweise trage Früchte, sagt Maier, und setzt sie auch im laufenden Betrieb fort. So findet einmal im Monat ein Treffen mit Flüchtlingen und Meßstettener Bürgerinnen und Bürgern statt, bei dem die Flüchtlinge ihr Schicksal schildern können und von ihren Heimatländern erzählen. „Es ist immer ein Glücksfall, wenn wir jemanden haben, der deutsch spricht. Ansonsten ist das mit dem Dolmetschen schwierig“, schildert Maier. „Beim letzten Mal hatten wir eine syrische Familie mit zwei Kindern, die etwas deutsch konnten. Da waren 120 Personen da.“ Jede Woche gibt es zudem einen Bericht im Amtsblatt.

Die meisten der Flüchtlinge kommen aus dem Irak oder Syrien. In der LEA werden sie registriert, medizinisch untersucht, und sie können ihre Asylanträge stellen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat dazu extra eine Außenstelle in der LEA Meßstetten eingerichtet. Hinweise auf Arabisch, Englisch, Paschtu oder Serbisch erklären den Ablauf und geben allgemeine Verhaltensanweisungen. Ähnlich ausgestattet wie Meßstetten sind nur noch die LEAs in Ellwangen und Karlsruhe sowie das neu eingerichtete Registrierungszentrum in Heidelberg.

Begegnungsstätte zwischen Bürgern und Flüchtlingen

Einheimische und Flüchtlinge treffen sich auch im Begegnungszentrum, das im ehemaligen Soldatenheim der Kaserne gegenüber der LEA untergebracht ist. Hier knüpfen die Menschen Kontakte und kommen ins Gespräch. Rund 140 Freiwillige aus der Region kümmern sich dort um die Flüchtlinge.

Alfred Sauter ist einer der ehrenamtlichen Helfer. Er koordiniert die Arbeit der Freiwilligen und organisiert mit ihnen ein Freizeitprogramm für die Flüchtlinge. So sorgt der ehemalige Soldat, der früher in der Kaserne stationiert war, zum Beispiel dafür, dass jeden Tag von 14 bis 16 Uhr Deutschkurse stattfinden. „Die sind heiß begehrt und immer voll belegt“, sagt Sauter. Für Kinder gibt es Extra-Kurse. Ansonsten bietet das Begegnungscenter eine Kinderspielecke, eine Kegelbahn, Tischkicker, Sofas sowie ein Café.

„Absolut notwendig ist das Internet-Café“, sagt Sauter. Die Flüchtlinge könnten so Kontakt mit ihren Familien daheim halten. „Anfangs gab es zu wenig Computer“, schildert Sauter, „der Andrang war so groß, dass wir die Leute wieder wegschicken mussten“. Dann habe eine ehrenamtliche Initiative in der LEA WLAN eingerichtet, das habe die Situation deutlich entspannt.

Abstimmung mit der Stadt

Zur besseren Kommunikation zwischen Meßstettener Bürgerinnen und Bürgern und den Flüchtlingen hat das Deutsche Rote Kreuz einen eigenen Streetworker engagiert, Axel Leukhardt. „Meine Aufgabe ist es hauptsächlich, Probleme des Alltags zu lösen“, sagt der Pädagoge, „zu viel Müll, wilde Feuerstellen, Wildpinkler, Lärmbelästigung.“ Es müssten Konflikte vermieden und gemeinsame Lösungen gefunden werden, und da komme er ins Spiel. Wichtig sei, so Leukhardt, dass er von der Bevölkerung wahrgenommen werde und als Ansprechperson präsent sei.

Unterstützt wird Leukhardt von Johannes Herre, der bei der Stadt sein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. Nachdem er sich schon vorher ehrenamtlich engagiert hatte, entschied sich der 19-Jährige, vor seinem Studium noch ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren. „Es macht richtig Spaß und ich hab das Gefühl, auch etwas Gutes zu tun“, erklärt Herre seine Motivation. Die Reaktion der Flüchtlinge sei super, er sei überrascht, wie offen die Menschen seien.

Freizeitprogramm gegen Lagerkoller

Ohne die Arbeit von Menschen wie Sauter, Herre oder Leukhardt würden die Dinge ganz anders laufen, ist sich Maier sicher. Die gesamten Kleidersortierarbeiten werden zum Beispiel von den Ehrenamtlichen organisiert. Die Kleidung selbst ist komplett gespendet. Kistenweise kamen Pakete mit Jacken und Hosen, aber auch Bettlaken, Handtücher und Spielzeug.

Daneben organisieren die Ehrenamtlichen das Freizeitprogramm für die Flüchtlinge. Ein wichtiger Beitrag für das Funktionieren des Camps, erklärt Maier, denn das A und O sei es, dass die Menschen etwas zu tun haben. Sonst drohe ein Lagerkoller.

„Wir müssen den Flüchtlingen nicht nur ein Dach über dem Kopf geben und sie verpflegen, sondern sie brauchen auch eine Tagesstruktur“, sagt Maier. Da helfe es, nicht nur auf das nächste Essen zu warten, sondern auch ab und an Fußball zu spielen, zu basteln, Deutsch zu lernen. Ein Gebäude fungiert als „Kindergarten“, ein Fitnessraum bietet Abwechslung, auch wenn dieser, genauso wie der Kindergarten, vorübergehend wieder zum Matratzenlager umfunktioniert werden musste.

Wie lange die Flüchtlinge in der LEA bleiben, hängt stark davon ab, welche Nationalität sie haben. Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive werden möglichst bald, schon nach zwei bis drei Wochen, in die Kommunen verteilt. Flüchtlinge mit schlechter Bleibeperspektive hingegen verbleiben mitunter einige Monate in der LEA, bevor es zu einer Entscheidung über ihren Status kommt.

Flüchtlinge helfen mit

Um sich zu beschäftigen, können die Flüchtlinge auch als sogenannte „Gemeinnützige“ in der LEA arbeiten. Dabei bekommen sie 1,05 Euro pro Stunde. Sie putzen, räumen auf oder dolmetschen. Walid Khadida zum Beispiel. Er ist Jeside, kommt aus dem Nordirak und ist seit zwei Wochen in Meßstetten. Er dolmetscht bei den Sozial- und Verfahrensberatern, die den Flüchtlingen das Asylverfahren erklären und bei Problemen helfen. Walid hat auch schon für Freunde übersetzt, sagt er, es mache ihm Spaß und er habe etwas zu tun. Nebenher lernt er deutsch.

Als Gemeinnütziger zu arbeiten, sei bei den Flüchtlingen begehrt, erklärt Maier, schließlich bekämen sie etwas Geld und könnten etwas tun. Viele wollten auch einfach etwas zurückgeben. „Man muss sich darüber klar werden“, sagt Maier, „wir sind hier kein Hotel, aber auch kein Wunschkonzert. Beschäftigung befriedet ungemein und nimmt Druck raus. Das hilft.“ Im Verhältnis der Flüchtlinge untereinander und zu den Einheimischen.

Nicht jede Unterkunft der Erstaufnahme ist wie Meßstetten, oftmals sind schon allein die baulichen Voraussetzungen nicht gegeben, doch die Landesregierung arbeitet intensiv daran, dass die vielen Flüchtlinge in ganz Baden-Württemberg menschenwürdig und sicher untergebracht sind. Die LEA in Meßstetten zeigt, wie es geht.

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