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Doppelinterview
  • 26.10.2018

„Wer sind wir?“

  • Der ehemalige Nationaltrainer Jürgen Klinsmann (l.) im Gespräch mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (r.) auf der Market Street in San Fransisco (Bild: © Staatsministerium Baden-Württemberg).

    Bild: © Staatsministerium Baden-Württemberg

An einem Spätsommertag treffen sich drei Schwaben in San Francisco. Für den „Rolling Stone“ hat der Journalist Peter Unfried gemeinsam mit dem ehemaligen Nationaltrainer und Bummler zwischen zwei Heimaten Jürgen Klinsmann und mit dem Ministerpräsidenten und Reisemuffel Winfried Kretschmann die Bedeutung des Begriffs „Heimat“ ausgelotet.

Rolling Stone: Herr Klinsmann, Sie wollten immer raus und die Welt kennenlernen, richtig?

Jürgen Klinsmann: Stimmt. Aber ich wollte auch immer gerne wieder heimkommen.

Aber die Sehnsucht war es, rauszugehen. Was trieb Sie?

Klinsmann: Neugier. Und Abenteuerlust. Die Welt kennenlernen, ohne seine Wurzeln zu verkennen. Ich bin mehrmals im Jahr in Stuttgart, schaue nach der Familie, schau nach Dingen, die ich dort ins Leben gerufen habe, aber die Neugier ist nach wie vor da, immer mal etwas Neues zu entdecken.

Die Heimat war Ihnen zu klein.

Klinsmann: Nein, zu klein war sie mir nicht, aber ich wollte einfach was anderes erleben. Ich wollte wissen: Wie spielt sich der Fußball in Italien ab, in England, in Frankreich? Meine Stationen als Spieler und auch als Trainer hatten mehr mit Neugier zu tun und nicht mit dem Gefühl, es würde einem zu Hause zu klein. Ich bin Schwabe durch und durch, und wenn ich das Wort „Heimat“ höre, dann denke ich sofort an Stuttgart. Aber je länger man an einem anderen Ort lebt, desto mehr fühlt man sich auch dieser Ecke und Nachbarschaft zugehörig. Das ist bei mir Orange County.

Herr Kretschmann, Sie wollten nie weg aus Ihrer Heimat, nicht mal der Karriere wegen nach Berlin. Warum nicht?

Kretschmann: Ich habe einfach nicht den Drang. Ich habe nicht mal einen Reisedrang. Ich reise zwar relativ viel, aber von Amts wegen. Privat nur, weil meine Frau gerne reist.

Die große Welt lässt Sie kalt?

Kretschmann: Nein, überhaupt nicht. Nur dieses Reisen ist mir lästig. Ich lese lieber. Und immer wenn ich etwas lese und dabei in eine neue Welt eintauche, bin ich begeistert. Meine größten Abenteuer sind es, neue Philosophen kennenzulernen und zu verstehen. Derzeit beschäftige ich mich zum ersten Mal mit Friedrich Nietzsche. Bisher bin ich nie ein Freund von Nietzsche gewesen und habe ihn deshalb gemieden, aber jetzt lese ich ihn. Das sind wichtige Erfahrungen.

Wie wichtig ist Heimat als fester Ort?

Kretschmann: Der spielt für mich eine große Rolle. Dieses Ursprungsgefühl von Beheimatung habe ich, wenn ich wandern gehe. Dann botanisiere ich unwillkürlich.

Auch andere Nationaltrainer arbeiten in Cafés

Aha. Und was bedeutet das?

Kretschmann: Hier in Kalifornien renne ich herum und kenne keine einzige Pflanze. Da bekomme ich fast ein Gefühl von Ohnmacht, weil ich von einer schönen Landschaft umgeben bin und nicht weiß, was um mich herum ist. Dass ich die Pflanzen kenne, ist für mich als Biologe ganz wichtig. Deshalb reise ich nicht so gerne in ferne Länder. Andererseits bin ich überall in meiner Heimat, wenn ich in einen Gottesdienst gehe – weil ich den Ritus kenne.

Herr Klinsmann, Sie haben den Job als Nationaltrainer teilweise vom Starbucks in Huntington Beach aus gemacht, heißt es. Stimmt das?

Klinsmann: Grundsätzlich ja – wobei es viele gute Cafés bei uns gibt, in denen ich mit dem Laptop saß. Aber auch andere Nationaltrainer arbeiten in Cafés oder an ähnlichen Orten.

Fußball-Traditionalisten fanden es unmöglich, dass der „Nationaltrainer“ auf einem anderen Kontinent lebte.

Klinsmann: Der Beruf eines Nationaltrainers ist eigentlich ortsunabhängig, weil es – außerhalb von Länderspielen und Trainingslagern – vor allem darum geht, Dinge vorzubereiten für den Moment, in dem die Mannschaft wieder zusammenkommt, und erst dann passiert die Arbeit vor Ort. Bei Klubmannschaften ist das nicht möglich, da muss man fester Bestandteil sein. Bei Nationalmannschaften ist es kein Problem. Ich kann mich von Kalifornien aus reindenken, ich kann kommunizieren mit Telefon, Internet, in allen möglichen Formen und Wegen. Ich kann heute Japan trainieren, ich kann Australien trainieren und in Los Angeles leben, das ist kein Problem. Für die tägliche Arbeit vor Ort habe ich mir Leute aufgebaut und mir durch den Standortvorteil meiner persönlichen Situation einen umfassenderen Blick bewahren können. Wobei ich als Bundestrainer von 2004 bis 2006 42-mal hin und her geflogen bin.

Der Fußball ist das Flaggschiff des Weltbürgertums

Warum hat es Leute kirre gemacht, wenn Sie nicht auf deutschem Boden waren?

Klinsmann: Wir haben Dinge anders umgesetzt, als es zuvor getan wurde. Vielleicht gibt es eine gewisse Angst, etwas anders zu machen und dass dieses Wohlfühlbecken weg ist, ohne zu wissen, was genau daran eigentlich so schlimm sein könnte. Ich weiß in diesem Moment auch nicht, wo der CEO von Apple oder Amazon ist. Oder ob der Mercedes-Chef gerade in Stuttgart sitzt.

Kretschmann: Der Fußball hat den anderen Bereichen voraus, dass das Spiel international bis ins Detail auf anerkannten Regeln basiert. Insofern kann man sagen, dass der Fußball das Flaggschiff des Weltbürgertums ist, weil er diese einheitlichen Regeln hat. Er hat allerdings unterschiedliche Kulturen.

Klinsmann: Und demzufolge auch unterschiedliche Umsetzungen. Aber es stimmt, die Regeln sind weltweit dieselben.

Kretschmann: Der Fußball bewahrt also eigene Traditionen und ist trotzdem absolut gleich in der ganzen Welt. Darum findet da auch eine faktische Globalisierung statt, die es in dieser Radikalität in keinem anderen Bereich gibt, etwa wenn in den Nationalmannschaften viele mit doppelter Staatsbürgerschaft spielen.

Sie, Herr Klinsmann, haben 2014 als Trainer des US-Teams beim WM-Spiel USA–Deutschland beide Hymnen gesungen. War das subversiv politisch?

Klinsmann: Nein, das ist meine Gefühlswelt. Ich fühle mich in Kalifornien zu Hause, ich lebe da seit 20 Jahren, meine Frau ist von hier – und außerdem finde ich die Hymne wunderschön.

Es war für mich immer normal, die Hymne zu singen

Das Singen oder Nichtsingen der Hymne wird von Teilen der Medien und der Gesellschaft als Patriotismus-Lackmustest gesehen.

Klinsmann: Ich wünsche mir als Trainer, dass jeder mitsingt, aber ich muss es jedem selbst überlassen. Bei den Amerikanern hat die Hymne eine tiefere Funktion als in Deutschland, sie wird vor jedem Sport-Event gespielt, selbst in der Highschool. Sie ist ein emotionales Bekenntnis. Es war für mich immer normal, die Hymne zu singen, weil ich mich auch geehrt fühlte, den Fußball voranzubringen als Nationaltrainer.

Schwer vorstellbar, dass vor einem Spiel Deutschland-Türkei ein deutscher Nationalspieler mit türkischen Familienwurzeln beide Hymnen mitsingen würde. Speziell nach der Aufregung über Mesut Özils Foto mit dem autoritären Staatschef Erdoğan.

Kretschmann: Damit hätte ich persönlich kein Problem.

Wir haben in Deutschland den Hang, immer gleich fundamentalistisch zu debattieren

Sie nicht, aber andere?

Klinsmann: Ich hoffe, die wenigsten.

Kretschmann: Erdoğan ist ein Autokrat, der die Grundrechte seiner Bürger schleift, und deshalb ist er auch zu Recht eben extrem unbeliebt in Deutschland. Hätten wir besser abgeschnitten bei der WM, hätte es die Özil-Debatte nicht mehr gegeben. Aber wer so schlecht spielt, der wird halt bestraft. In diesem Fall mit solchen Debatten. Und wir haben leider in Deutschland den Hang, immer gleich fundamentalistisch zu debattieren.

Sie lachen, Herr Klinsmann?

Klinsmann: Stimmt total, was Herr Kretschmann da sagt.

Wie haben Sie denn die Diskussion um Özil und Gündoğan verfolgt, die sich ja im Kern um die Frage dreht, ob man mehrere Identitäten oder Heimaten haben kann?

Klinsmann: Ich hatte als Nationaltrainer der USA viele Jungs mit doppelter Staatsbürgerschaft, die durch ähnliche Gefühlslandschaften marschiert sind. Deutschamerikaner, Mexikanische Amerikaner, Jungs aus Island, aus Norwegen, aus Uruguay. Ich wurde ständig von dem Thema begleitet – was für einen Trainer wundervoll ist.

Wirklich?

Klinsmann: Ja, man entdeckt die Zugehörigkeit von Familien, erlebt, wie sie das leben und ausdrücken. Die ultimative Frage, für wen das Herz am Ende doch mehr schlägt, wie wir das im Fall Özil diskutiert haben, das hatte ich jeden Tag hier.

Jede Familie erlebt ihre Wurzeln anders

Was war Ihre Lösung?

Klinsmann: Du musst es den Familien überlassen. Einmischen geht nicht, weil jede Familie ihre Wurzeln anders erlebt.

Was heißt das für Özils Foto mit Erdoğan?

Klinsmann: Ich weiß nicht, was intern ablief, aber dass das Thema sofort angepackt werden musste, war allen klar, und im Nachhinein weiß man auch, welche Fehler gemacht wurden. Aber letztendlich ist es der einzelne Mensch, der über seine Handlungen entscheidet, und das muss man akzeptieren.

Haben Sie denn als Nationaltrainer Gefühle von Heimat oder Nation aktiviert?

Klinsmann: Das Thema ist faszinierend für einen Nationaltrainer. Die sportliche Konzeption ist wichtig, die Qualität, die man in der Mannschaft hat. Aber dazu kommt tatsächlich, dass Nationalmannschaften Gefühle ausleben und eine Identität haben, die auch voller Überraschungen ist. Durch die Globalisierung haben wir viele Nationalmannschaften mit doppelten Staatsbürgerschaften, aber auch mit Spielern, die noch viel mehr aus sich raussaugen können durch ihr Zugehörigkeitsgefühl. Das hat man bei der WM bei Kroatien gesehen.

Kalifornien ist nicht die Heimat derer, die zufällig hineingeboren wurden, sondern die Heimat derer, die dort seit dem Gold Rush angekommen sind. Was haben Sie gesucht, und was haben Sie gefunden?

Klinsmann: Ich war durch Zufall als 19-Jähriger das erste Mal in den USA. Ich spielte damals bei den Stuttgarter Kickers, und nach einer verkorksten Vorrunde sagte der Präsident: Wenn ihr noch unter die ersten zehn kommt, zahle ich eine Woche Florida. Wir wurden achter. Und dann, als ich in Miami durch die Straßen ging, hat sich für mich eine Welt geöffnet, die ich nicht kannte. Das hat mich so fasziniert, dass ich gesagt habe, als wir nach einer Woche zurückkehrten: Ich fliege gleich wieder rüber, aber dieses Mal auf die andere Seite. Da hatte ich durch meinen Bruder ein paar Anlaufstellen, und dann bin ich querbeet durch Kalifornien, von San Francisco nach Los Angeles und San Diego. Danach bin ich fast jedes Jahr hierher zurückgekommen. Und dann habe ich in Europa meine Frau kennengelernt, die aus Kalifornien stammt.

„Wherever we’re together, that’s my home“, heißt es in einem Liebeslied von Billy Joel. Was ist es darüber hinaus, wodurch Sie sich zu Hause fühlen?

Klinsmann: Das Leben ist heute und morgen, und da gibt es kaum Schöneres als Kalifornien, wo es immer um „Tomorrow“ geht und um die Frage, was morgen ist. Jede Ecke in Kalifornien ist anders, die Bay Area hier ist ganz anders als Orange County, aber das grundsätzliche Lebensgefühl ist: Mach dein Ding! Du musst dich nicht rechtfertigen für das, was du tust, und jeder gönnt dem anderen, dass er in dem, was er tut, Erfolg hat.

Ist das nicht ein Klischee?

Klinsmann: Nein, das ist kein Klischee. Aber natürlich hast du nicht die Sicherheiten, die wir in Deutschland haben, dieser Schatz an Dingen, die wir uns aus unserem Sozialverständnis heraus aufgebaut haben. Das hat der Kalifornier nicht. Der muss im Risiko leben, der kann innerhalb von zwei Wochen gekündigt werden, und dann packt er halt Tüten ein im Supermarkt. Das kann auch einen Professor oder Ingenieur treffen. Deshalb denkt der Kalifornier stärker im Jetzt und was nächste Woche sein wird. Hier fragt der Arzt erst mal nach der Kreditkarte, und wenn ich keine habe, dann muss ich erst verhandeln, auch wenn der Finger blutet. Deshalb muss der Kalifornier zwangsläufig nach vorn.

Ihnen droht das Tüteneinpacken aber nicht.

Klinsmann: Mir tut dieses Lebensgefühl einfach gut, dass man sein Ding machen kann. Ich bin kein direktes Nachkriegskind, sondern eine Generation danach, aber ich denke, wir haben in Deutschland eine Tradition, festzuhalten, was wir geschaffen haben, auch Strukturen, die uns Sicherheit geben. Der Kalifornier denkt: Was kann ich als Nächstes in Bewegung setzen? Ich habe mit einem Freund eine Fußballanlage aufgebaut unterhalb von Los Angeles mit 24 Fußballplätzen und einem Restaurant, mit Konzertbereich und Reitsportanlage. Das hätte ich in Deutschland kaum machen können. Wo findest du denn einen Platz für 24 Fußballfelder? Das ist Kalifornien. Da wird das Excel-Sheet etwas aggressiver durchgerechnet, mit mehr Risikobereitschaft als in Deutschland – und dann wird das gemacht. Das ist das Lebensgefühl: Wenn du eine Idee hast, dann mach es!

Der kalifornische Spirit, mit dem Jürgen Klinsmann die qualitative Erneuerung des DFB durchgezogen hat, irritiert in Deutschland einige noch heute. In der Politik ist das schwer vorstellbar, oder?

Kretschmann: Wir haben einfach keinen Hang zur Disruptivität.

Warum nicht?

Kretschmann: Das hat viel mit dem zu tun, was Herr Klinsmann gesagt hat, mit unserer Kultur und unseren Prägungen und Sicherheiten. Ich denke oft: Warum sind die Leute, die in der sichersten Region der Welt leben, so sicherheitssüchtig? Beispiel Brandschutz: Einerseits sorgt er für Sicherheit, andererseits macht er das Bauen teuer und kompliziert. Was wollen wir denn noch alles in alten Gebäuden unternehmen, um den extremsten Worst Case auszuschließen – aber wer will etwas gegen besseren Brandschutz sagen? Das macht uns unbeweglicher, aber dafür haben wir mehr Sicherheit.

So gutes Brot wie in Deutschland gibt es nirgendwo auf der Welt

Sie sind auch nicht gerade für radikale Veränderungen bekannt.

Kretschmann: Ein wichtiger Grund für mich, ins Silicon Valley zu fahren, ist, diese Kultur zu verstehen. Aber sie einfach zu übernehmen ist unmöglich – doch ich will den Spirit einatmen. Wenn wir nicht ein Stück unserer Fehlervermeidungskultur abbauen und mutiger werden, werden wir einfach überrannt. Ich sehe das an Ländern wie Nordrhein-Westfalen oder dem Saarland, die als ehemalige Kohleländer heute noch Probleme haben. In der alten Welt sind wir gut, und die braucht man auch noch. Aber wie generieren wir in der neuen Welt Wohlstand, wenn das Alte einbricht? Das müssen wir lernen. Und das muss man vor Ort mitkriegen, selbst wenn man nicht gerne reist.

Heimat wird gern mit Essen verknüpft, im schwäbischen Fall mit Brezeln und Schwarzbrot. Eigentlich ist das aber doch nur gutes Handwerk, das gar nicht an Landesgrenzen geknüpft ist, sondern an jedem Ort der Welt ausgeübt werden kann, oder?

Kretschmann: So gutes Brot wie in Deutschland gibt es einfach sonst nirgendwo auf der Welt.

Ist das so?

Klinsmann: Das ist so. Deutschland steht für Qualität. Wenn du in Stuttgart bist und die ganzen Diskussionen hörst, dann merkst du, dass die Deutschen eigentlich nicht wissen, dass sie bewundert werden in der Welt: für ihre Autos, ihre Technologien, aber auch für ihre Offenheit und auch für ihre Migrationspolitik. Dass innenpolitisch gerade ein großer Fight stattfindet, ist klar, aber von außen wird Deutschland bewundert. Das ist uns nicht bewusst, wenn wir daheim sind. Es ist schon richtig, dass Sicherheit Halt gibt und Selbstvertrauen, aber wie Herr Kretschmann sagt, müssen wir auch den Best Case diskutieren und nicht nur den Worst Case. Und das Best-Case- Denken ist kalifornisch: Was können wir bewegen, und zwar im Positiven? Den Worst Case überlassen sie den Anwälten, darüber reden sie am liebsten nicht.

Mal im Best Case gedacht: Sie kommen aus einer Bäckerfamilie und könnten doch ganz Los Angeles mit gutem Schwarzbrot beglücken.

Klinsmann: Absolut! Das habe ich meinem Bruder auch schon oft gesagt. Aber der Amerikaner hat halt diesen Franchisegedanken: Ich muss das multiplizieren. Und dagegen wehre ich mich. Wenn ich ein Lieblingsrestaurant habe, dann weniger weil ich dort den besten Rostbraten bekomme, sondern weil ich die Leute kenne und sie mich kennen.

Ich hätte locker eine Bäckereikette aufmachen können

Sie haben dort ein Heimatgefühl?

Klinsmann: Der Amerikaner erfindet einen Starbucks in Seattle, mit Lebensgefühl und Wi-Fi, und jetzt ist er halt in der ganzen Welt. Aber das ersetzt nicht die Menschen. Ich gehe gern in mein Lieblingslokal, weil ich die Leute dort mag und mich wohlfühle. Aber wenn du gut bist im Handwerk, ob Schreiner, Maler oder Bäcker, dann hast du hier Möglichkeiten ohne Ende. Ich hätte locker eine Bäckereikette aufmachen können, denn für Qualität wird hier bezahlt. Aber da ist mir der Fußball halt ein bisschen näher.

Ihr anderes Heimatland, Baden-Württemberg, hat nach 60 Jahren CDU den ersten grünen Ministerpräsidenten weltweit gewählt. Ist das kalifornischer Spirit?

Klinsmann: Ich find’s wundervoll! Ob Trainer oder Ministerpräsident, du bist automatisch ein Brückenbauer in diesen Positionen. Und das macht Herr Kretschmann: Er baut Brücken zwischen verschiedenen Positionen, er verbindet sie, das ist dann parteiübergreifend. Die Themen spielen die wichtigste Rolle. Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr Greenpeace-Mitglied, aber das hat nichts damit zu tun, ob ich CDU, SPD oder Grüne wähle. Es hat damit zu tun, dass mir das Thema am Herzen liegt. Und Kretschmann bringt die Themen und die Inhalte, und die Leute verstehen das. Das ist gerade im Moment sehr wichtig.

Wir haben ein gebrochenes Nationalverständnis

Das Wort „Heimat“ gibt es nur im Deutschen. Es ist politisch umstritten und wird wie „Patriotismus“ oft den Reaktionären überlassen. In den USA ist Patriotismus positiv besetzt, auch Neil Young und Bruce Springsteen sind Patrioten. Ist der Unterschied die deutsche Schuld?

Kretschmann: Ja. Wir haben eine andere Geschichte und ein gebrochenes Nationalverständnis wegen der Nazis. Weil das Nationale missbraucht wurde und zum Zivilisationsbruch geführt hat. Deshalb schockieren uns Vorfälle wie in diesem Sommer in Chemnitz auch so stark.

Jetzt schwenken wieder Nazis die bundesrepublikanische Fahne, bei der WM 2006 war das erstmals anders gewesen.

Kretschmann: 2006 kam der offene, aufgeklärte Patriotismus zum Vorschein. Und 2006 war der Moment, wo es durch den Fußball in einer gewissen Weise ganz normal wurde, dass die Nationalflaggen wehten und ein Nationalgefühl auf sympathische, unaggressive und aufgeklärte Art gelebt wurde. Das war neu – und das völlige Gegenteil des alten Blut-und-Boden-Nationalismus. Ich dachte damals: Na, jetzt will ich mal sehen, ob das bleibt!

Das ist ja ein ganz anderes Deutschland!

Hatten Sie als Bundestrainer damals einen Masterplan, der über das Sportliche hinausging, Herr Klinsmann?

Klinsmann: Wir haben alle daran gearbeitet, dass die WM dieses neue Bild von uns weltweit transportiert, aber das war halt unser Wunschdenken, bevor es losging. Wir wollten offensiv sein in allen Bereichen. Am ersten Tag der WM hat es noch geregnet, aber dann kam die Sonne und ging nicht mehr weg. Dann hat die Mannschaft einfach mal voller Energie losgespielt, und nach dem Siegtor gegen Polen in der 92. Minute ging es richtig los. Wir sagten, jetzt gehen wir nach vorne und so weit, wie wir kommen. Und die deutschen Fans hatten Feingefühl: Wir zeigen jetzt mal, wie offen wir sind, wie multikulturell. Die haben das gelebt und richtig die Türen aufgemacht. Egal wo ich danach hingereist bin, sagten die Leute zu mir: Was ihr da bewegt habt – das ist ja ein ganz anderes Deutschland!

Warum ist das wieder verschwunden?

Kretschmann: Erst sind nur die Fahnen verschwunden, aber jetzt ist das Gefühl verschwunden, und wir sind in einem völlig anderen Diskurs. Die Leichtigkeit ist weg, die Zeichen stehen auf Ausgrenzung, es findet eine erbitterte öffentliche Auseinandersetzung statt: Hier eine aufgeklärte, offene Form des Patriotismus, dort kommen wieder nationalistische Züge zurück – aber nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und in den USA. Auch an der Diskussion um Mesut Özil hat man gemerkt, dass sich da etwas dramatisch geändert hat.

„Heimat“ wird von Antiliberalen immer ausgrenzend definiert.

Kretschmann: In Baden-Württemberg hat die AfD aus dem Stand 15 Prozent geholt, und das, obwohl es uns wirtschaftlich richtig gut geht. Es gab zwei Einschnitte, die Vertrauen in staatliches Handeln untergraben haben. Der erste ist die Finanzkrise und die Erkenntnis, dass die Welt an den Rand einer wirtschaftlichen Katastrophe kommen kann. Der zweite ist die Flüchtlingslage von 2015. Es existieren diffuse Ängste auch dort, wo es objektiv dafür keinen Grund gibt, und jetzt tauchen Selbstvergewisserungsdiskurse auf, Identitätsfragen. Jetzt haben wir von rechts massive Ansagen für homogene und gegen plurale Gesellschaften. Das ist ein enormer Angriff. Ich hätte mir mit meinen 70 Jahren nicht vorstellen können, dass der moderne Verfassungsstaat mit Menschenrechten und einer Ordnung, die uns unsere Individualität ausleben lässt, noch einmal infrage gestellt wird. Deshalb taucht auch die Frage nach Heimat auf: Wer sind wir?

Ihre Antwort?

Kretschmann: Lokalpatriot, Schwabe, Deutscher, Europäer, Weltbürger – das hängt von den unterschiedlichen Lebenssituationen ab. Das größte Problem zurzeit ist die europäische Krise, weil wir mit unseren Werten nur als Europäer in den großen Fragen eine Rolle spielen können und nicht mehr national. Und das sollten wir, wenn die transatlantische Freundschaft durch jemanden wie Trump in Gefahr gerät. Deshalb ist die Frage: Wie ordnen wir uns als Nation in einen europäischen Zusammenhang ein? Dass wir europäisch denken, ist jetzt von entscheidender Bedeutung.

Klinsmann: Wichtiger denn je!

Merken Sie im Alltag, wie Ihre beiden Heimaten auseinanderdriften, seit Trump Präsident ist, Herr Klinsmann?

Klinsmann: Obwohl das in einzelnen Gegenden differiert, gibt es in Kalifornien insgesamt eine klare Position zu diesem Präsidenten. Die lautet: Wir sind nicht mit dem einverstanden, was da passiert. Was ich in meinem Umfeld feststelle und auch bei meinen Kindern, die sind 21 und 17: So wie die sich jetzt politisch interessieren, das war vorher nicht so. Die Wahl hat viele wachgerüttelt.

Die Fragen stellte Peter Unfried.

Quelle: Das Interview erschien am 25. Oktober 2018 im „Rolling Stone“


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