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Interview
  • 03.09.2015

„Wir tragen den digitalen Wandel in den Mittelstand“

  • Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Foto: dpa)

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht Ministerpräsident Winfried Kretschmann  über  intelligente Fabriken, die Chancen der Digitalisierung für die Südwest-Wirtschaft und die Unterschiede zwischen dem Silicon Valley und Tälern im Schwarzwald.

Süddeutsche Zeitung: Wie hat Ihre persönliche Digitalisierung begonnen, Herr Kretschmann? Welche Marke hatte Ihr erster Computer?

Winfried Kretschmann: Das weiß ich leider nicht mehr. Computer gehören mittlerweile so selbstverständlich zum Leben, dass man denkt, sie seien schon immer da gewesen.

Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie erstmals ein Smartphone in der Hand hielten? Waren Sie sicher, dass sich solche Geräte durchsetzen?

Kretschmann: Ein modernes Smartphone mit Touchscreen habe ich erst 2011 als Ministerpräsident erhalten, damals war diese Frage ja eigentlich schon beantwortet. Vorher hatte ich einen Blackberry. Ich dachte mir: Aha, interessant, so ein Ding gehört jetzt also zu meinem Job.

Twittern Sie, sind Sie auf Facebook unterwegs?

Kretschmann: Ich twittere nicht persönlich und bin auch nicht selbst auf Facebook aktiv. Aber ich habe Mitarbeiter, die das für mich übernehmen. Denn soziale Medien werden für die Kommunikation zwischen Politik und Bürgern immer wichtiger. Da findet ein echter Austausch statt. Aber ich habe keine Zeit, selbst zu twittern. Es wäre auch unglaubwürdig, wenn ich das täte. Ich bin ein Altgrieche und Anhänger langer Sätze. Mir würden sich die Haare sträuben, wenn ich meine Politik in 140 Zeichen erklären müsste. Außerdem muss ich ja in meinem Amt unentwegt reden. Und wenn ich dann mal Muße habe, dann kommuniziere ich lieber nicht. Sondern denke. Meine Frau beschwert sich manchmal darüber.

Wenn ein Smartphone oder ein ähnliches Gerät bei Ihnen zu Hause ausgepackt wird: Wer versteht die Gebrauchsanweisung und erklärt dem Partner die Handhabung, Sie oder Ihre Frau?

Kretschmann: Bei uns zu Hause geht es zu wie vermutlich in sehr vielen Familien - wir haben da unsere Kinder. Die sind zwar auch schon im fortgeschrittenen Erwachsenenalter, gehen aber viel natürlicher mit solchen Dingen um. Es ist schon interessant, wie sich in einer Familie im Laufe der Jahre die Rollen von Lehrenden und Lernenden umkehren.

Sie haben als Ministerpräsident Baden-Württembergs den digitalen Wandel im Land zur Chefsache gemacht. Nehmen Ihre Kinder Sie da ernst?

Kretschmann: Man muss dafür ja kein Digital Native sein. Schon als Lehrer habe ich erlebt, dass es in der Klasse immer einen gibt, der mehr vom Stoff weiß als ich. Das ist natürlich eine Herausforderung. Aber Aufgabe eines Pädagogen ist es ja, die jungen Leute zum Selbstdenken anzuleiten, ihnen dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Darum geht es jetzt auch beim digitalen Wandel. Was wir mit Innovation beschreiben, war ja schon Programm der Aufklärung: Wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Und dafür schafft diese digitale Revolution unglaubliche Möglichkeiten, sie hat etwas unglaublich Demokratisches. Bürgerinnen und Bürger haben so viele Möglichkeiten wie nie zuvor, im politischen Diskurs mitzumischen.

Aber Ihr Thema ist nun nicht die Kommunikation von Bürgern, sondern Industrie 4.0. Es geht um wirtschaftliche Modernisierung. Hat ein Alt-Grüner wie Sie da wirklich Autorität?

Kretschmann: Aber natürlich. Wir Grünen haben einer Technologie den Garaus gemacht, der Atomkraft. Man hat uns deshalb lange Zeit als technikfeindlich kritisiert und dabei verkannt, dass wir einfach für eine andere Technik eintreten. Das war, wie man heute sieht, sehr weitsichtig. Denken Sie an die Smart Grids, die intelligenten und dezentralen Stromnetze. Die sind durch die Digitalisierung möglich geworden und haben seit der Energiewende einen Markt. Die Digitalisierung ist für die Grünen als eine reformfreudige Partei genau das richtige Spielfeld.

Und worin besteht die digitale Herausforderung für Baden-Württembergs Wirtschaft?

Kretschmann: Wir sind in Baden-Württemberg führend in den Produktlinien, in der Hardware. Wir bauen die besten Maschinen, die besten Autos der Welt. Jetzt haben wir die Chance, aufbauend auf dieser industriellen Basis die Vernetzung voranzutreiben und Geschäftsmodelle noch radikaler vom Kunden her zu denken. Wer wenn nicht wir in Baden-Württemberg wäre in der Lage, intelligente Fabriken zu bauen?

Und wie kann die Landesregierung helfen?

Kretschmann: Die großen Konzerne brauchen natürlich keine Hilfe. Unsere Aufgabe ist es, den digitalen Wandel in den Mittelstand hineinzutragen. Die Breite des Mittelstands ist ja unsere Stärke. Wir haben zwar nicht das Silicon Valley, aber dafür Tausende Valleys mit Weltmarktführern in ihrem jeweiligen Segment. Ein kleiner, erfolgreicher Mittelständler in einem Schwarzwaldtal darf die Entwicklung nicht verpassen. Und ich registriere bei nicht wenigen unserer Mittelständler immer noch Skepsis gegenüber der Fusion mit der Internet-Welt. Deshalb bietet die Landesregierung Plattformen an, gründet Allianzen, richtet Kongresse aus.

Die CDU mit Spitzenkandidat Guido Wolf hat gerade eine Gegenoffensive gestartet. Sie wirft Ihnen vor, Sie würden die Infrastruktur nicht entschieden genug ausbauen. Bayern investiere sehr viel mehr Geld in den Netzausbau, Baden-Württemberg drohe, zu einem „Museumsdorf“ zu verkommen.

Kretschmann: Wir liegen bundesweit in der Spitzengruppe, was den Breitband-Ausbau betrifft. Bayern muss aufholen und investiert daher gerade in die Ertüchtigung von alten Kupferkabeln. Das Problem dabei ist, dass das allenfalls ein paar Jahre reichen wird, die Mittel aber trotzdem für eine spätere Modernisierung zu einem großen Teil verloren sind. Deshalb konzentrieren wir uns beim Ausbau direkt auf die schnellen Glasfaser-Verbindungen und haben dabei nun noch einmal einige Schippen draufgelegt. Außerdem ist Bayern viel größer als Baden-Württemberg, also brauchen die auch mehr Mittel.

Kümmern Sie sich auch um digitale Bildung?

Kretschmann: In großem Umfang sogar. Deshalb haben wir, nur als Beispiel, an den beruflichen Schulen Lernfabriken 4.0 eingerichtet. Wir wollen dabei auch junge Frauen in diese Berufsfelder führen. Das ist eine ganz zentrale Aufgabe, denn bei Digitalkongressen sieht man ja fast ausschließlich Männer. Also: Es muss niemand Angst haben, dass Baden-Württemberg bei der Digitalisierung abgehängt wird.

Eignet sich das Thema nächstes Jahr als Wahlkampfschlager?

Kretschmann: Wir betreiben hier kein Wahlkampfgetöse. Ich habe das Thema mit führenden Leuten aus Wirtschaft und Wissenschaft ein Jahr lang intensiv diskutiert. Mir wurde bewusst: Das ist nicht nur eine neue Technologie von vielen, sondern eine Basistechnologie für alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft. Das hat dazu geführt, dass ich es zur Chefsache gemacht habe. Das Wirtschafts- und das Wissenschaftsministerium hatten das Thema von vorneherein auf der Agenda. Ich habe zusätzlich bei mir eine Stabsstelle eingerichtet.

Die Opposition wirft Ihnen auch vor, die grüne Bedenkenträgerei in Sachen Datensicherheit gefährde die digitale Entwicklung.

Kretschmann: Ich habe im Mai das Silicon Valley besucht. Dort traut man uns Deutschen gerade in Sachen Datensicherheit und Datenschutz Lösungen zu. Das sehen die Amerikaner ausdrücklich als ein Geschäftsmodell.

Was haben Sie gelernt im Valley?

Kretschmann: Was mich vor allem begeistert hat, ist der enorme Gründergeist. Der Wille, etwas Neues in die Welt zu setzen. Und es gibt dort die Möglichkeiten, diesen Gründergeist auch auszuleben. Ich denke an die riesigen Plattformen für Venture Capital. Damit verbunden ist eine Risikokultur, die wir in Deutschland so nicht kennen: das Bewusstsein, dass jemand, der scheitert, kein Versager ist, sondern eine zweite Chance verdient.

Was gefällt Ihnen sonst noch am Spirit des Silicon Valley?

Kretschmann: Ungewohnt für Deutsche ist auch die Start-up-Kultur an Universitäten. Studenten zu ermutigen, aus tollen Ideen selbst etwas zu machen, darin haben wir einen gewissen Nachholbedarf. Und was einem angesichts unserer Einwanderungsdebatten natürlich sofort auffällt: In führenden Positionen trifft man Menschen aus aller Herren Länder an. Da wird nicht gefragt, woher einer kommt, sondern wohin er will. Wenn ich daran denke, welche Debatten wir hier über ein Einwanderungsgesetz führen und nicht vorankommen . . .

Wurden Sie ernst genommen als Grüner?

Kretschmann: Ich habe an der Universität Berkeley eine Rede gehalten. Hinterher sagte man mir, das sei eine sehr amerikanische Rede gewesen. Warum? Wir Grünen verstehen etwas von neuen Geschäftsmodellen, wir haben nämlich selber eines begründet. Wir haben eine neue Partei gegründet, sind hartnäckig am Ball geblieben, haben an eine Idee geglaubt, und heute bin ich grüner Ministerpräsident. Sich solche große Ziele setzen, nennen die: moon shooting. Das haben wir Grünen geschafft. Außerdem sind im Silicon Valley ohnehin alle grasgrün. Die interessieren sich für den ökologischen Fußabdruck, neben dem neuen Rechenzentrum steht gleich der Solarpark. Das hat mich sehr überrascht.

Und Sie kommunizieren jetzt nur noch digital, wie man das im Valley tut?

Kretschmann: Diese Vorstellung ist doch nur ein Klischee. Es gibt dort relativ hierarchielose Treffen, wo man stundenlang redet, bis das Problem gelöst ist. Jede Idee wird mit einem Filzstift an die Wand geschrieben. Klassische analoge Kommunikation. Dabei wird gut gegessen und gut getrunken. Das hat mir gut gefallen.

Die Fragen stellten Josef Kelnberger und Helmut Martin-Jung.

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Quelle: Süddeutsche Zeitung


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