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Interview
  • 31.03.2017

„Verbraucherschutz leistet Beitrag zur Integration“

  • Friedlinde Gurr-Hirsch, Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz.

Baden-Württemberg steht vor der Herausforderung, viele geflüchtete Menschen zu integrieren. Dabei ist auch die Verbraucherarbeit gefragt. Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch spricht im Interview darüber, welchen Beitrag der Verbraucherschutz zur Integration leisten kann.

Frau Gurr-Hirsch, vor welchen Herausforderungen steht die Verbraucherarbeit, wenn es um die Belange von Geflüchteten geht?

Friedlinde Gurr-Hirsch: Menschen mit Zuwanderungsgeschichte stellen eine Herausforderung für die Verbraucherarbeit dar. Verbraucherinformation und -aufklärung muss sich an den Bedürfnissen dieser besonderen Zielgruppe orientieren. Geflüchtete benötigen unter anderem unmittelbar nach ihrer Ankunft einen Handyvertrag. Sobald sie von den Landeseinrichtungen in eigene Wohnungen ziehen, müssen Miet- und Stromlieferungsverträge sowie Versicherungen abgeschlossen werden. Bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg mehren sich Hinweise, dass unseriöse Anbieter mit der Unwissenheit und Not von Geflüchteten Geschäfte machen. Dem können wir nicht tatenlos zusehen. Deshalb stellen wir den Geflüchteten und ihren Helfern Informationen zur Verfügung und bieten über die Verbraucherzentrale persönliche Beratung an.

Welche Besonderheiten spielen in der Verbraucherarbeit mit Geflüchteten eine Rolle?

Gurr-Hirsch: Die Besonderheit in der Verbraucherarbeit für diese Zielgruppe ist, dass es Geflüchteten meist an Erfahrung im deutschen Rechtssystem fehlt. Sie kennen die Gepflogenheiten auf dem deutschen Konsummarkt nicht. Es bestehen sprachliche Barrieren. Hinzu kommt, dass ihre Probleme oftmals komplexer sind als die von einheimischen Verbraucherinnen und Verbrauchern. Auch das Misstrauen gegenüber offizieller Information scheint bei vielen Geflüchteten groß zu sein. Die Verbraucherarbeit steht deshalb vor der Aufgabe, die Zielgruppe überhaupt zu erreichen sowie deren Vertrauen in öffentliche Informationen und Institutionen zu gewinnen. Nur so kann es uns gelingen, Geflüchteten mit Bleibeperspektive einen möglichst guten Start in Baden-Württemberg zu ermöglichen und sie erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Wie haben Sie auf die speziellen Bedürfnisse von Geflüchteten reagiert?

Gurr-Hirsch: Für mein Haus stand zunächst im Vordergrund, die Bedürfnisse dieser besonderen Verbrauchergruppe herauszufinden, um dann angemessen darauf reagieren zu können. Daher haben wir bereits im letzten Jahr zwei Projekte durchgeführt: Beim Projekt „Information und Beratung für Flüchtlinge und ihre Helfer” der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg e. V. galt es herauszufinden, zu welchen Verbraucherthemen Geflüchtete Informationen benötigen. Die Zielgruppe sollte gezielt dort unterstützt werden, wo Probleme bestehen. Bei der Studie „Migranten als Verbraucher – wie Information gelingen kann” des Instituts für Verbraucherjournalismus (ifv) ging es um die Frage, wie man Geflüchtete erreichen und in kurzer Zeit befähigen kann, die wichtigsten Grundlagen des Verbraucherwissens der deutschen Gesellschaft kennen zu lernen und umzusetzen. Darüber hinaus berät die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund innerhalb ihrer vom Land geförderten Aufgaben zu verschiedenen Themen des Verbraucherschutzes.

Bei welchen verbraucherrechtlichen Fragen bedürfen geflüchtete Menschen besondere Unterstützung?

Gurr-Hirsch: Es handelt sich hierbei um alle Fragen des Konsumalltags. Bisherigen Erfahrungen zufolge wenden sich Geflüchtete und ihre Helfer aber besonders häufig mit Fragestellungen zu Mobilfunkverträgen, Versicherungspaketen und der Eröffnung eines Bankkontos an die Verbraucherzentrale. Aber auch Fragen zu Urheberrechtverletzungen bei Downloads, zu Inkassoforderungen und der rechtlichen Situation rund um den Bezug einer Wohnung sind aktuell. Hier werden Themen wie die Energieversorgung oder der Telefon- und Internetanschluss behandelt.

Welche Ergebnisse konnten durch das Projekt der Verbraucherzentrale bis jetzt erzielt werden?

Gurr-Hirsch: Ziel des Projektes war unter anderem der Schutz vor Verbrauchertäuschung, die Stärkung der Rechte als Kunde, der sichere Umgang bei Verkaufsversuchen von Vertretern und die Warnung vor Vertragsfallen. Es wurden bereits verschiedene Flyer veröffentlicht. Diese behandeln Fragen wie zum Beispiel „Welche Versicherungen brauche ich?” oder „Was kann ich machen, wenn das kürzlich gekaufte Handy nicht funktioniert?”. Teilweise liegen diese Flyer auch in Persisch, Arabisch, Paschtu, Englisch und Französisch vor. Sie können auf der Seite der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg und auf der Seite www.flüchtlingshilfe-bw.de abgerufen werden. Weiter wurden Vorträge für Geflüchtete und ihre Helfer angeboten, ein Netzwerk zu Organisationen der Flüchtlingshilfe aufgebaut und Informationen zu den Unterstützungsangeboten vermittelt. Was können Geflüchtete und ihre Helfer tun, wenn sie sich bei Vertragsabschlüssen unsicher fühlen oder bereits Probleme mit Anbietern haben? Friedlinde Gurr-Hirsch: Geflüchtete und ihre Helfer können sich bei Problemen und Unsicherheiten bei Vertragsabschlüssen an die Beraterinnen und Berater der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg wenden. Darüber hinaus hat mein Haus Informationen für Geflüchtete und ihre Helfer auf dem Verbraucherportal Baden-Württemberg zusammengestellt: Wie bekommen Geflüchtete Zugang zu einem Girokonto? Was müssen sie beim Abschluss eines Mobilfunkvertrags beachten? Wie können sie auf Verkaufsangebote von Vertretern reagieren? Zu diesen Themen finden sie dort eine erste Information.

Was sollten Geflüchtete und ihre Helfer beachten, wenn sie das Beratungsangebot der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg wahrnehmen möchten?

Gurr-Hirsch: Die Verbraucherzentale berät zu einer umfassenden Themenpalette des Verbraucherschutzes. Themen außerhalb des Verbraucherschutzes – wie zum Beispiel Fragen des Arbeitsrecht oder des Asylrechts – werden von der Verbraucherzentrale jedoch nicht behandelt. Es ist auch wichtig zu wissen, dass die Rechtsberatung der Verbraucherzentrale nur in deutscher Sprache erfolgen kann. Geflüchtete, die die Beratung der Verbraucherzentrale aufsuchen, sollten daher unbedingt ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache haben oder einen volljährigen Übersetzer mitbringen. Die Studie des Instituts für Verbraucherjournalismus zeigt auf, wie man Flüchtlinge mit Verbraucherinformation am besten erreichen kann. Wie kann das gelingen? Friedlinde Gurr-Hirsch: Die Studie hat herausgefunden, dass sich Geflüchtete grundsätzlich erreichen lassen. In der Regel jedoch nicht über herkömmliche Informationsangebote. Diese gehen laut den Forschungsergebnissen meist an deren Bedürfnissen vorbei. Die Informationen sind oft zu abstrakt, überfrachtet, sprachlich unzugänglich oder unemotional. Die Studie kommt daher zu dem Ergebnis, dass Geflüchtete über speziell für sie angefertigte Medien zu erreichen sind. Als Beispiel nennt sie das Medium eines Kinderbuches oder einen kurzen Erklärfilm in jeweils zwei Sprachen – wovon eine Sprache davon immer deutsch ist.

Was ist der Vorteil eines Kinderbuches beziehungsweise eines Erklärfilmes im Vergleich zu herkömmlichen Informationen?

Beim Kinderbuch liegt die Annahme zugrunde, dass die meisten Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sprachlich schneller qualifiziert sind als ihre Eltern. Ein solches Informationsangebot kann über Kinder und Jugendliche in die Familien eingebracht werden. Das Blättern, gemeinsame Anschauen, Lesen und Vorlesen kann zu einer Teilhabe vieler Beteiligter führen. Auch ein kurzer Erklärfilm zu einem einfachen Alltagsthema – wie etwa der Abschluss eines Mobiltelefon-Vertrages – könnte das Verbraucherverhalten auf dem deutschen Konsummarkt in einfacher Weise näher bringen. Beides kann in relativ kurzer Zeit angesehen und verstanden werden. Das kann zu Anregungen und Diskussionen im Familienkreis und damit zur Auseinandersetzung mit Verbraucherthemen führen, so die Studie. Informationen für in Deutschland sozialisierte Verbraucherinnen und Verbraucher setzen im Vergleich dazu voraus, den deutschen Verbraucheralltag zu kennen und bleiben – auch nach Aussagen anderer Studien – in der Regel von Geflüchteten unbeachtet. Gibt es bereits Pläne wie sich ihr Haus in der Arbeit mit Geflüchteten weiter beteiligen möchte? Friedlinde Gurr-Hirsch: Geflüchtete Menschen spielen eine besondere Rolle für die verbraucherpolitische Arbeit meines Hauses. Deshalb halten wir es für essentiell, die Verbraucherarbeit für diese Zielgruppe zu intensivieren. Wir versuchen die wirtschaftlichen Nachteile sowie einen Mangel an sozialer Teilhabe durch das Angebot der Verbraucherzentrale zu mildern und werden unseren Beitrag zur Verbraucheraufklärung leisten. Dabei werden wir auch die Arbeit der Verbraucherzentrale unterstützen.

Das Interview führte Markus Heffner.

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Quelle: fluechtlingshilfe-bw.de


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