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Interview
  • 05.09.2016

Talente und Fähigkeiten der Geflüchteten aktivieren

  • Manfred Lucha, Minister für Soziales und Integration (Bild: © dpa)

Im Interview mit fluechtlingshilfe-bw.de spricht Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha über den Pakt für Integration, die Bedingungen für gutes Zusammenleben bei wachsender Bevölkerungsvielfalt und die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit für die Flüchtlingshilfe.

Herr Lucha, im vergangenen Jahr sind mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Viele von ihnen werden langfristig im Land bleiben. Wie bewerten Sie die Rolle der Ehrenamtlichen bei der Aufgabe der Integration?

Manne Lucha: Unbezahlbar. Die vielen tausend Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe in Baden-Württemberg haben im vergangenen Jahr Großes geleistet und tun dies auch weiterhin. Genau wie die vielen Hauptamtlichen leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag für die Integration derjenigen Menschen, die zu uns kommen. Je früher die Integration von Flüchtlingen beginnt, desto besser funktioniert das spätere Zusammenleben. Die Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg setzen in Sachen Flüchtlingshilfe viele gute und kreative Ideen um.

Sind die jüngsten Gewalttaten, bei aller Vorsicht zur jeweiligen Motivlage, auch ein Indiz dafür, wie wichtig Integrationsarbeit und Prävention für die Zukunft sein werden?

Lucha: Wir sollten jetzt wirklich abwarten, welche konkreten Motive die zuständigen Behörden in jedem Einzelfall ermitteln. Handelte der Täter aus extremistischen Motiven, hatten er oder sie psychische Probleme, war es die Tat einer Gruppierung oder eines Einzeltäters, war es eine Beziehungstat? Das müssen wir wissen, um dann auf die Suche nach möglichen Gegenmaßnahmen gehen zu können oder bestehende Maßnahmen weiterzuentwickeln, um die Wahrscheinlichkeit solcher Taten künftig zu verringern. Dennoch müssen wir uns im Klaren sein, dass wir uns trotz aller Anstrengungen um Sicherheit, Prävention und Integration, die wir in den letzten Jahren bereits unternommen haben und weiter unternehmen werden, niemals zu hundert Prozent vor Straftaten, egal aus welcher Motivation heraus, werden schützen können.

Das Land hat nun früher als geplant 5,6 Millionen Euro für mehr als hundert weitere kommunale Integrations- und Flüchtlingsbeauftragte zur Verfügung gestellt. Wollen Sie mit dieser außerplanmäßigen Förderung ein Zeichen setzen, oder was war der Grund dafür?

Lucha: Der Grund, bei unserem Förderprogramm eine zusätzliche Antragsrunde einzulegen, war das riesengroße Interesse der Kommunen. Den kommunalen Integrations- und Flüchtlingsbeauftragten kommt eine sehr wichtige Rolle zu bei der Integration von Geflüchteten, aber auch aller anderen Migrantinnen und Migranten. Integration findet in den Kommunen statt, in Kindergärten und Schulen, am Arbeitsplatz und in Vereinen. Die Integrations- und Flüchtlingsbeauftragten sind dort vor Ort die zentralen Ansprechpartner für die Integrationsarbeit. Sie vernetzen und koordinieren die regional aktiven Akteure und machen die Integrationsarbeit transparent und für alle Zielgruppen zugänglich.

Welche Resonanz haben Sie aus den Kommunen – wie kommt das Programm an?

Lucha: Ich denke, es spricht ja ziemlich für sich, dass wir die zusätzliche Antragsrunde für die Einrichtung von Integrations- und Flüchtlingsbeauftragten eingelegt haben. Eigentlich war die nächste Förderrunde erst für 2017 geplant. Seit dem Start des Programms hat das Land nun schon über 300 Stellen für Integrations- und Flüchtlingsbeauftragte gefördert.

Die Zusammenarbeit zwischen Ehrenamtlichen und den Hauptamtlichen bei den Behörden und Ämtern läuft nicht immer ganz reibungslos. Die Ehrenamtlichen fühlen sich mitunter bevormundet und ausgebremst, die Hauptamtlichen in ihrer Zuständigkeit und Kompetenz umgangen. Wo sehen Sie die Probleme und wie könnten das Miteinander verbessert werden?

Lucha: Starkes ehrenamtliches Engagement benötigt professionelle hauptamtliche Unterstützung und umgekehrt, das sind für mich kommunizierende Röhren. Um die Zusammenarbeit zwischen haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern zu stärken, haben wir im vergangenen Jahr das Programm „Gemeinsam in Vielfalt – Lokale Bündnisse für Flüchtlingshilfe“ auf den Weg gebracht. Ziel ist es, vor Ort alle Akteure der Flüchtlingshilfe – Flüchtlingsinitiativen, Vereine, Kirchen und Wohlfahrtsverbände sowie Kommunen und Kreise – zusammenzubringen. Dadurch werden vorhandene Ressourcen besser genutzt, Engagierte können sich gegenseitig entlasten und voneinander lernen. Zwischenzeitlich gibt es über hundert dieser lokalen Bündnisse.

Bei der Vorstellung der Bündnisse haben Sie betont, dass es wichtig sei, Flüchtlinge nicht nur als Hilfeempfänger zu behandeln, sondern sie aktiv in die Arbeit einzubeziehen. Auf welchem Weg könnte das gelingen?

Lucha: Es ist in der Tat sehr wichtig, dass Flüchtlinge in den Bündnissen mitwirken. Deshalb haben wir bei der Auswahl der geförderten Projekte darauf geachtet, dass die Talente und Fähigkeiten der Geflüchteten mitgedacht und mitgenutzt werden. Es ist schön zu sehen, dass dies vor Ort gut gelingt und die Geflüchteten bei vielen Aktivitäten mit großem Engagement als Partner mitwirken. Sehr gut gefallen mir die aktivierenden Angebote, etwa wenn Ehrenamtliche und Geflüchtete gemeinsam einen Garten der Begegnung oder eine Lernwerkstatt errichten. Auf diesen Aspekt werden wir bei der Weiterentwicklung des Programms besonderes Augenmerk richten.

Neben der Unterstützung der Kommunen und der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe – was plant die Landesregierung in den kommenden Jahren, um die Integration der Flüchtlinge in Baden-Württemberg zu ermöglichen?

Lucha: Eines der zentralen Vorhaben der Landesregierung in dieser Legislaturperiode ist der Pakt für Integration, den wir mit den Kommunen schließen wollen. In dieser Woche haben wir im Kabinett eine interministerielle Arbeitsgruppe eingesetzt und einen sehr straffen Zeitplan dafür beschlossen, denn wir wollen den Pakt noch in diesem Jahr schließen. Oberstes Ziel unserer Integrationspolitik ist und bleibt ein gutes Zusammenleben und ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt bei einer gleichzeitig wachsenden Bevölkerungsvielfalt. Voraussetzung dafür ist eine gelingende Integration. Ein möglichst rascher Spracherwerb und die Integration in den Arbeitsmarkt sind dabei ganz zentrale Elemente. Um die Kommunen besser bei ihrem entscheidenden Beitrag für die Integrationsarbeit zu unterstützen, bieten wir ihnen den Pakt für Integration an.

Die Fragen stellte Markus Heffner

Quelle: Das Interview ist ursprünglich auf fluechtlingshilfe-bw.de erschienen.


Kontakt

Das baden-württembergische Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren in Stuttgart.

Ministerium für Soziales und Integration

Schellingstraße 15
70174 Stuttgart

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