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Interview
  • 27.10.2016

„Eine Ausbildung kann der Königsweg zur Integration sein“

  • Flüchtling aus Eritrea begann eine Ausbildung zum Bäcker (Quelle: Stefan Puchner/dpa)

Um die Unternehmen im Land bei der Ausbildung von Flüchtlingen zu unterstützen, hat Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut bereits mehrere Initiativen gestartet und sich in Betrieben vor Ort über die Probleme und Herausforderungen informiert. Bei entsprechender Qualifikation könnten viele der geflüchteten jungen Menschen die Fachkräfte der Zukunft sein, betont sie: „Dafür müssen sich jetzt alle engagieren.“

Frau Hoffmeister-Kraut, viele Betriebe haben zunehmend Schwierigkeiten, genügend Fachkräfte zu gewinnen. Können Flüchtlinge dazu beitragen, den drohenden Fachkräftemangel zu beheben?

Nicole Hoffmeister-Kraut: Ja, aber sicher erst langfristig. Zuallererst müssen die Flüchtlinge die deutsche Sprache erlernen, das ist die Grundvoraussetzung für viele weitere Schritte der Integration. Ich begrüße es sehr, dass die Bundesregierung die Sprachförderung für Asylbewerberinnen und -bewerber mit Bleibeperspektive geöffnet hat und ausbaut. Wichtig ist es auch, möglichst rasch zu erfassen, welche Kompetenzen und Qualifikationen die Flüchtlinge mitbringen. Ein Teil kann dann in Beschäftigung vermittelt werden. Gegebenenfalls kann ein Einstieg über Hospitationen, Praktika, gemeinnützige Arbeitsgelegenheiten und Helfertätigkeiten erfolgen.

Wie hoch schätzen sie die Quote derer ein, die diesen Schritt tatsächlich schaffen?  

Hoffmeister-Kraut: Beim größten Teil der Flüchtlinge wird es sicher länger dauern, bis sie am Arbeitsmarkt ankommen werden. Nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit haben nur rund 20 Prozent der Asylbewerberinnen und -bewerber sowohl bundesweit als auch in Baden-Württemberg einen beruflichen oder akademischen Abschluss. Rund 80 Prozent sind ungelernt und ohne formale Berufsqualifikation. Sie müssen also zunächst qualifiziert werden.

Welche Möglichkeiten gibt es für diese Menschen?

Hoffmeister-Kraut: Eine abgeschlossene Berufsausbildung und Beschäftigung gehören zu den grundlegenden Voraussetzungen, damit Integration gelingt. Eine beträchtliche Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber, die in Baden-Württemberg leben, kommen vom Alter her für eine berufliche Ausbildung in Frage. Auch sie müssen zunächst die Sprache erlernen. Für eine Ausbildung sollten sie mindestens das Sprachniveau B 1 erreichen, was in der Regel zwei Jahre dauert. Zudem müssen die Flüchtlinge aber auch erst einmal die Ausbildungsberufe kennenlernen und wissen, wo ihre Fähigkeiten liegen. Auch durch Betriebspraktika sollten sie erproben können, wo ihre Fähigkeiten und Interessen liegen. Im Anschluss daran können sie in eine Ausbildung vermittelt werden. Dies bedeutet, dass die Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr in großer Zahl zu uns kamen, in etwa fünf bis sechs Jahren durchaus wichtige Fachkräfte für die Unternehmen sein können.

Wie viele Flüchtlinge machen derzeit eine Ausbildung?

Hoffmeister-Kraut: Im Sommer 2016 hatten laut Bundesagentur für Arbeit rund hundert einen Ausbildungsvertrag. Die aktuellen Zahlen liegen uns demnächst vor und wir hoffen natürlich, dass sie zum eben gestarteten Ausbildungsjahr 2016/17 jetzt deutlich angestiegen sind.

Sind die Betriebe bereit, Praktika- und Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen?

Hoffmeister-Kraut: Ja, viele Betriebe sehen eine Chance darin, Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen. Viele haben bereits festgestellt, dass diese jungen Menschen überaus motiviert und bereit sind, sich hier zu engagieren. Allerdings benötigen auch die Betriebe dabei Unterstützung.

Können Unternehmen sicher sein, dass die jungen Flüchtlinge während der Ausbildung und danach in Deutschland bleiben können?

Hoffmeister-Kraut: Bei anerkannten Flüchtlingen ist sowohl eine Beschäftigung als auch eine Ausbildung kein Problem. Sie besitzen eine Aufenthaltserlaubnis und damit uneingeschränkt Zugang zum Arbeitsmarkt. Für andere Flüchtlinge hat der Bund die Bleibeperspektive ebenfalls verbessert. Flüchtlinge mit Ausbildungsvertrag erhalten für die Zeit ihrer Ausbildung eine Duldung. Nach Abschluss der Ausbildung bleibt die Duldung für sechs Monate während der Arbeitssuche erhalten. Bei Übernahme in eine Beschäftigung erhalten die Flüchtlinge für weitere zwei Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung.

Was tut das Land, um die Betriebe und die Flüchtlinge bei der Ausbildung zu unterstützen?

Hoffmeister-Kraut: Das Wirtschaftsministerium hat ein Ausbildungsbündnis ins Leben gerufen, in dem das Land, die Wirtschaft, die Gewerkschaften, die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit und die kommunalen Landesverbände eng zusammenarbeiten. Die Partner haben sich unter anderem das Ziel gesetzt, junge Flüchtlinge möglichst rasch in Praktika, Einstiegsqualifizierung und Ausbildung zu bringen. Dafür engagieren sich alle. Das Kultusministerium hat unter anderem mehr als 1.100 zusätzliche Lehrkräfte für die Vorbereitungsklassen eingestellt, in denen die jungen Flüchtlinge Deutsch lernen. Und wir als Wirtschaftsministerium fördern als einen Ansatz in diesem Bereich flächendeckend im Land 37 so genannte regionale Kümmerer, die junge Flüchtlinge bei der Vermittlung von Praktikums- und Ausbildungsplätzen, beim Übergang in die Ausbildung und während der ersten sechs Monate der Ausbildung unterstützen. Gleichzeitig sind die Kümmerer in dieser Zeit Ansprechpartner für die Betriebe, um sie zu beraten und zu unterstützen.

Die meisten Flüchtlinge kennen das deutsche Ausbildungssystem nicht. Wie werden sie darüber informiert und wie lernen sie die verschiedenen Berufe kennen?

Hoffmeister-Kraut: Wir fördern seit August 2016 die Berufserprobung für Flüchtlinge in überbetrieblichen Bildungsstätten. Hier können junge Flüchtlinge vor allem aus VAB- oder VAB-O-Klassen zunächst in einer Kompetenzanalyse ihre Fähigkeiten feststellen und sich unter Anleitung eines Ausbilders oder einer Ausbilderin in mindestens drei Berufsfeldern praktisch erproben. Zudem werden die Flüchtlinge über das deutsche System der Berufsausbildung, das Spektrum der Berufe sowie die Anforderungen und Werte der betrieblichen Arbeitswelt in Deutschland informiert. Um die Ausbilderinnen und Ausbilder zu unterstützen, kann zudem eine zusätzliche sozialpädagogische Betreuung, ein Dolmetscher, eine Dolmetscherin oder eine verantwortliche Ansprechperson gefördert werden.

Eine Botschaft der Wirtschaftsministerin zum Abschluss?

Hoffmeister-Kraut: Eine Ausbildung kann für viele Flüchtlinge der Königsweg für die berufliche und gesellschaftliche Integration darstellen. Betriebe erhalten motivierte junge Menschen, die bei entsprechender Qualifizierung ihre Fachkräfte der Zukunft sind. Insgesamt sehe ich die Flüchtlinge als große Chance für die Gesellschaft und die Wirtschaft.

Das Interview führte Markus Heffner.

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Quelle: fluechtlingshilfe-bw.de


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Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau (Bild: © dpa)

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