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Fastnacht
  • 14.02.2015

„In eine andere Welt“

  • Ministerpräsident Winfried Kretschmann (M.) läutet mit einer Narrenschelle die Fastnachtszeit ein.

Objekt statt Subjekt – das ist die Rolle der Politiker in der Fasnet, macht Winfried Kretschmann, Ministerpräsident und überzeugter Narr, im Interview mit dem Südkurier deutlich. „Was wäre die Fasnet, wenn man nicht über Politiker herziehen könnte?“, so Kretschmann. „Das muss man aushalten können, denn das ist nicht immer charmant.“

Südkurier: Sie sind Besitzer der goldenen Narrenschelle, einer Katzenschwanzmütze und einer Stockacher Laufnarrenkappe. Wieso werden Politiker als Narren so geliebt?

Winfried Kretschmann: Sie sind ja an der Fasnet das Objekt der närrischen Kritik. Was wäre die Fasnet, wenn man nicht über Politiker herziehen könnte? Man braucht sie, so wie man die Zuschauer braucht als Widerpart für die eigene Kritik.

Ja, im Mittelalter. Ist heute nicht eher ein Problem, dass die Bürger denken: Politiker sind eh alle Toren?

Kretschmann: Ja, so gesehen, ist eigentlich immer Fasnet.

Also stellt Fasnacht die richtigen Verhältnisse her?

Kretschmann: Sie stellt die Verhältnisse her, wie sie sein sollten. Unterm Jahr seriöse Kritik, gediegen, abgewogen. Und an der Fasnet haut man mal richtig aufs Blech und zieht denen eins über, wird grob und auch mal unflätig. Denn da gehört das hin.

Sonst aber eher nicht…

Kretschmann (lacht): Ja, sonst eigentlich eher nicht. Die moderne Welt verlässt eben die schönen Rituale. Demokratie lebt ja von Kritik, aber närrisch sollte sie halt nur an der Fasnet sein.

Wie kamen Sie zur Fasnet?

Kretschmann: Meine Mutter war eine große Fasnachtsnudel. Sie hat uns schon als kleine Kinder verkleidet, kaum dass wir laufen konnten. Und in Riedlingen bin ich in die schwäbisch-alemannische Fasnacht richtig sozialisiert worden. Ich war dort im Internat, das einen Fanfarenzug gestellt hatte. So bin ich in die Fasnet hineingeraten und ihr bis heute treu geblieben als Narr. Maskenträger aber bin ich seither nicht mehr.

Wer Sie in Stockach oder Freiburg gehört hat, könnte meinen, es mache Ihnen wirklich Spaß…

Kretschmann (lacht): Absolut! Es ist einfach die fünfte Jahreszeit. In einem Riedlinger Narrenlied heißt es überzeugend schlicht: „Die Fasnacht ist immer nur einmal im Jahr, und wer sie nicht mitmacht, der ist auch kein Narr!“

Sie singen mit, sie schunkeln mit?

Kretschmann:  Ich gehöre zu den richtigen Narren, also zum aktiven Teil. Dann macht man auch alles mit.

Haben Sie ein Lieblingsfasnetslied?

Kretschmann: Ja, eben dieses Riedlinger Narrenlied, das finde ich am schönsten. Es fängt an: „Wir Narren, wir Narren sind eigene Leut‘, für uns schlägt im Jahre nur einmal die Zeit.“ Da kommen sehr tragende Sätze drin vor. „Wir kümmern uns nicht um des Weltlaufs Geschick und meiden die Händel und die Politik.“ Der Satz sagt was vom innersten Kern der Fasnet. Nach altem Ritual tritt man aus dem gewöhnlichen Leben in eine andere Welt mit ihren eigenen Gesetzen. Das ist das Schöne an der Fasnet!

Sie heben auf das Sinnhafte der Fasnacht ab, finden Sie auch etwas einfach nur lustig?

Kretschmann: Man darf unsere Fasnet nicht unterschätzen! Das ist erst einmal eine ernste Angelegenheit. Allein, dass sie „die fünfte Jahreszeit“ heißt, sagt das ja – sie gehört zum Jahresablauf wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Sie ist also ernst, aber natürlich ist der Sinn des Ernstes, lustig zu sein.

Das Paradox müssen Sie erklären!

Kretschmann: Es ist ein Lustigsein nicht auf ganz freie Weise, sondern lustig in den vorgegebenen Ritualen. Und an die muss man sich halten. Da gibt es ja unterschiedlich strenge Zünfte. Da gibt es die vier Edelzünfte Rottweil, Oberndorf, Überlingen und Elzach. Denen ist schon die schwäbisch-alemannische Vereinigung zu liberal mit zu vielen karnevalistischen Einschlägen. Da wird das Brauchtum ganz streng gehandhabt.

Ein solcher Sittenwächter sind Sie aber nicht?

Kretschmann: Nein, in meiner Zunft pflegen wir eine mittlere Linie. Wir achten schon auf das Brauchtum, aber nicht zu streng.

Sie sind ja offenbar seit Urzeiten Teil der Froschkuttelrunde…

Kretschmann (holt seinen Orden, rechnet): Seit 39 Jahren!

Dort herrscht der reinste Machismo – nur Männer! Müsste der Verein nicht endlich gegendert werden?

Kretschmann: Traditionell ist diese Art von Fasnacht eine Männerfasnacht. Die Frauen in Riedlingen haben aber klugerweise nicht gegendert, sondern Differenzfeminismus gemacht. Das heißt, sie haben vor über 30 Jahren eine eigene Weiberfasnacht gegründet. Die ist heute fest etabliert und gehört genauso zum Riedlinger Brauchtum wie unser Froschkuttelessen. Ist manchmal auch gut so, dass die Männer unter sich sind bei den Witzen, die dort erzählt werden. Dieser Differenzfeminismus war in Deutschland immer randständig, aber in anderen Ländern wie Italien nicht. Es ist auch eine Form der Gleichberechtigung: Jeder macht etwas für sich, aber auf gleicher Augenhöhe. Ich kann daran nichts Anstößiges finden.

Für Ahnungslose: Wie schmecken die Kutteln mit Nieren?

Kretschmann: Super! Es ist das, was wir ein Gröschts nennen. Ist halt Geschmackssache. Manche müssen sie runterwürgen, anderen schlupfen sie richtig runter. Ich ess‘ sie gern, mein Nachbarn beim Froschkuttelessen dagegen stochert nur rum.

Bedingt es sich, Katholik zu sein und über die Stränge zu schlagen?

Kretschmann: Natürlich nicht. Aber als das Kirchenjahr den Rhythmus geprägt hat, hat man eben vor der strengen Fastenzeit noch einmal über die Stränge geschlagen. Insofern ist es die katholische Tradition, aber heute gibt es ja auch in evangelischen Gebieten Neo-Fasneten. Da hat der Katholizismus etwas geschenkt.

Gibt es die wirklich noch, die große Diskrepanz zwischen gesittetem  Leben und fasnächtlichem Lotterleben?

Kretschmann: In einer liberalen Gesellschaft, das ist wahr, bräuchte man das natürlich nicht. Da ist gewissermaßen das ganze Jahr Fasnacht. Aber schwäbisch-alemannische Fasnacht ist ja mehr als einfach nur lustig sein. Es sind Rituale. Und Rituale sind etwas Schönes in der Gesellschaft. Es ist doch erstaunlich oder eher bezeichnend, dass die Vereine keine Nachwuchsprobleme haben. Die immer gleich bleibenden Rituale bilden ein ausruhendes Gegengewicht in einer Welt, die sich rasant ändert und höchst anstrengend ist. Das ist etwas erholsam, das ist wie Ferien, wenn man das macht, was man schon immer gemacht hat. Das Element, dass man an Fasnacht über die Stränge schlägt, ist zwar abgeschwächt, aber es ist schon noch so, dass man die Political Correctness auch mal verlassen kann. Heute sind andere Dinge strenger geworden, z.B. die Sprachnormen. Man muss viel mehr aufpassen, dass man niemanden beleidigt. Das Wort „dumm“ zum Beispiel ist verschwunden aus unserem Sprachgebrauch. Das sollte sich mal ein Lehrer erlauben, zu seinem Schüler zu sagen: „Du bist aber dumm!“ Der wäre kurz vor dem Rauswurf aus dem Schuldienst. Das hat sich tatsächlich etwas verschoben weg von der Moral hin zur Rhetorik. An Fasnacht heute kann man sprachlich die Sau raus lassen.

Auch als Politiker?

Kretschmann: Nein! Man sollte als Politiker wissen, dass man Objekt ist und nicht Subjekt. Es sei denn, es gibt andere Traditionen wie das Stockacher Narrengericht. Da muss man sich ja verteidigen. Ansonsten rede ich als Politiker nicht, sondern es wird über mich geredet. Das muss man aushalten können, denn das ist nicht immer charmant! (lacht)

Kürzlich in Freiburg war Ihr Kontrahent Guido Wolf von der CDU Ihr Laudator. Ist er ein närrischer Gegner auf Augenhöhe?

Kretschmann: Absolut! Sein Reimvermögen ist besser als meins, jedenfalls bräuchte ich länger Zeit, um auf Augenhöhe zu kommen. In diesem Punkt ist er sehr talentiert.

Wie erleben Sie den fasnächtlichen Präsenz- und Originalitätswettstreit unter Politikern?

Kretschmann: Ich unterwerfe mich dem nicht. Natürlich ist man immer in solchen Momenten in einer Art Wettstreit, aber es hat mir nichts ausgemacht. Guido Wolf war außerordentlich originell mit seinem Wolfsorden. Aber wenn man den Ehrgeiz und die Leistungsorientierung auch noch in die Fasnacht trägt, sollte man gleich zu Hause bleiben.

Also kein Clausewitz: Fasnacht als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ?

Kretschmann (lacht): Nein. Wahlkampf misslingt regelmäßig an der Fasnet. Ich habe mal einen Abgeordneten beim Froschkuttelessen erlebt, der einen Vortrag angekündigt hatte, so heißen bei uns die Büttenreden. Da kam der Zunftsmeister zu mir: „Pass auf, der hot a Rede, die hot ihm Parteizentrale g‘schriebe“. So war es auch. Doch Narren sind kluge Leute und gewappnet. Es endete mit immer lauteren Rufen „Nooalau!“ – Aufhören! Der ist bis heute nie mehr gekommen. Wenn man redet, begibt man sich ins Metier der Narren. Dann muss man auch richtig närrisch sein und gute Pointen liefern. Drum lässt man’s besser und ist Opfer von Pointen.

In Stockach haben Sie aber als Akteur reüssiert…

Kretschmann: Da gehört es auch zum Ritual, da muss man zeigen, was man drauf hat.

Darf sich die Narretei selbst zensieren wie in Köln, wo ein Motivwagen gestrichen wurde?

Kretschmann:  Ja, das darf sie, das muss sie auch. Es heißt ja, auf die Larven bezogen: Jedem zur Freud‘, niemand zum Leid‘. Es gibt auch in der Fasnacht Grenzen, die werden auch meist eingehalten. Minderheiten an der Fasnacht zu diskriminieren, ist nicht lustig. Die führen sich manchmal auch überspannt auf, man darf sie also auch ironisch aufs Korn nehmen. Aber man muss Grenzen setzen, das wird auch gemacht.

Sind Sie froh oder bedauern Sie, dass es solche politische Aufladung in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht nicht gibt?

Kretschmann: Das kann man so nicht sagen. Die schwäbisch-alemannische Fasnet ist sehr politisch, aber lokalpolitisch. Das Typische an ihr ist, dass sie eine Ortsfasnacht ist. Die Zünfte sind Ortszünfte und in den Vorträgen geht es in der Regel um Lokalpolitik, das versteht einer von außen nur selten. Das ist aber der Charme. Politik spielt eine Rolle, aber nicht die große. Die Hochburgen der Fasnet sind Kleinstädte, in denen alles, was übers Jahr läuft registriert wird: Man kennt die Personen, die Charaktere und ihre ganzen Missgeschicke werden aufs Korn genommen. Diese Fasnacht hat eine unglaubliche Nähe. In einer Mediengesellschaft sickern zwar andere Themen durch und die Ortsbezüge nehmen ab. Aber das dröhnendste Gelächter provozieren noch immer die lokalen Schoten. Das funktioniert nur im kleinbürgerlichen Milieu, wo jeder jeden noch kennt und berichtet wird, wer wo was angestellt und sich daneben benommen hat – bis hin zu Seitensprüngen. Da wird nichts ausgelassen und ist etwas völlig anderes als „Mainz bleibt Mainz“ oder die Umzugswagen in Köln.

Also lieber Kutteln mit Nieren und Schoten als Helau und Alaaf?

Kretschmann: Unbedingt! Es ist ja auch eine Form des Zusammenhalts. Die große Aufgabe besteht darin, ob‘s auch gelingt, Migranten in die schwäbisch-alemannische Fasnet zu integrieren.

In Rottenburg laufen schon Gambier mit einem afrikanischen Kuhschädel im Umzug mit...

Kretschmann: So muss es sein. Aber schon die Evangelischen tun sich enorm schwer mit der Narretei. Mir hat mal ein Landrat aus dem Balinger Raum erzählt, dass er als Bürgermeister in einem pietistisch geprägten Ort an Fasnacht in den katholischen Nachbarort ging. Da haben die Leute gesagt: „So, du Lump, warst auf der Fasnet!“ Das haben die nicht lustig gemeint.

Danke und Ho Narro!

Kretschmann: „Goooole!“

Das Interview führte Gabriele Renz.

Quelle: Südkurier


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