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Interview
  • 27.01.2018

„Die Fasnet ist für mich die schönste Jahreszeit“

  • Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst am 27.01.2018 in Aachen (Foto: © dpa)

    Quelle: © dpa

Ministerpräsident Winfried Kretschmann erhielt dieses Jahr den „Orden wider den tierischen Ernst“ des Aachener Karnevalvereins (AKV). Im Interview mit den Aachener Nachrichten sprach Kretschmann im Vorfeld über die Unterschiede zwischen alemannischer Fasnet und rheinischem Karneval und die Rolle von Humor in der Politik.

Aachener Nachrichten: Herr Ministerpräsident, in ihrer Heimat feiert man die alemannische Fastnacht, im Rheinland nennt man diese Jahreszeit Karneval. Kommen Sie mit den unterschiedlichen Formen dieses Brauchtums zurecht?

Kretschmann: Schwierig, die schwäbisch-alemannische Fasnet, um es korrekt zu sagen, ist was Anderes als der Karneval. Die Wurzeln dürften ähnlich sein, die Unterschiede sind trotzdem groß.

Was macht die Unterschiede aus?

Kretschmann: Die schwäbisch-alemannische Fastnacht ist lokal und unterscheidet sich von Ort zu Ort. Das ist Maskerade, wir sind Maskenträger. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Die Fasnet geht im Kern nicht über Lokalpolitik hinaus, der rheinische Karneval macht Weltpolitik. Fasnet ist mehr eine Brauchtumspflege mit Ritualen, die festgeschrieben sind. Es gibt sogar Orte, etwa Rottweil, die aus der traditionellen Vereinigung wegen zu starker karnevalistischer Einflüsse ausgetreten sind.

Das kann in Aachen dann spannend werden. Aber die AKV-Sitzung ist vor allem ein närrischer Staatsakt, weniger Karneval. Wie bereiten Sie sich auf die Sitzung vor? Haben Sie schon einmal eine Aachener Fernsehübertragung gesehen?

Kretschmann: Nein, ich muss schon ich selber sein. Meine Mitarbeiter haben verschiedene Sendungen mit der Ordensverleihung angeschaut, ich selber nicht.

Ironie funktioniert in der Politik nicht

Können Sie sich selber auf den närrischen Arm nehmen?

Kretschmann: Ich denke schon. Dazu müssen Sie wissen: Ich habe eine sehr lange politische Erfahrung. In der Politik funktioniert eins leider nicht: Ironie. Ironie in der Politik geht immer daneben.

Ist Ironie gefährlich wegen der Medien oder wegen der Wähler oder wegen der Parteien?

Kretschmann: Es ist nur für die gut, die dabei sind, wenn man es gerade ausspricht. Ironie lebt vom Kontext.

Fällt es Ihnen schwer, auf Ironie zu verzichten?

Kretschmann: Ich sage es mal so: Das ist jetzt der Vorteil einer Karnevalsveranstaltung. Da ist man zur Ironie verpflichtet. Das erwartet jeder. Da kann ich zulangen. Durch die Form bin ich geschützt. Das Publikum weiß, dass es nicht alles für bare Münze nehmen kann.

„Karneval ist für mich eine Terra incognita“

Als Sie die Nachricht erhielten, dass Sie den Orden wider den tierischen Ernst bekommen werden, haben Sie das spontan mit einer gewissen Skepsis betrachtet oder waren Sie sofort auf Euphorie-Stufe zehn?

Kretschmann: Mit Skepsis – aus den genannten Gründen. Karneval ist für mich eigentlich eine Terra incognita. Das heißt, dass ich den rheinischen Humor wahrscheinlich nicht wirklich verstehe.

Haben Sie damit schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht – in der Politik?

Kretschmann: Ich halte mich da einfach fern.

Manche brechen jedoch regelrecht über einen herein, denken Sie an ein rheinisches Schwergewicht wie Norbert Blüm. Da konnte man sich selbst als Baden-Württemberger gar nicht wehren.

Kretschmann: Norbert Blüm war dafür wie gemacht. Mal nebenbei: Baden-Württemberg ist neben Bayern das stärkste Bundesland mit den besten Wirtschaftsdaten und innovativste Region Europas. Trotzdem nennen wir dieses Bundesland selber Ländle. Darauf kämen die Bayern in tausend Jahren nicht.

Bayern ist ein Freistaat, Herr Ministerpräsident.

Kretschmann: Und das heißt, dass der Diminutiv, also die Verniedlichung, in unserem Dialekt kein Zufall ist. Dieses „Hoppla, jetzt komm ich“ liegt uns nicht, das gibt es hier nicht.

Dann passt Aachen zu Ihnen, da wird auch alles verniedlicht mit „chen“, zum Beispiel Städtchen oder Schokolädchen. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Fastnacht? Sie sind seit 41 Jahren Mitglied der Riedlinger Narrenzunft Gole. Da müssen Sie „Froschkutteln“ essen, das sind Innereien vom Rind. Auf diversen Fotos kann man nicht genau erkennen, ob sie Ihnen schmecken oder eher nicht.

Kretschmann: Die schmecken hervorragend.

Frauen sind bei diesem Essen nicht zugelassen. Die Männer müssen später das Rathaus per Rutsche aus der ersten Etage verlassen. Und das machen Sie jedes Jahr freiwillig mit?

Kretschmann: Ja. Und wenn man 25 Jahre dabei ist und gegessen hat, bekommt man den Gole-Orden. Ich überlege schon die ganze Zeit, ob ich mir den in Aachen anhefte. Nicht dass die Aachener dann sagen „Wenn der schon einen Orden hat, braucht er nicht mehr zu kommen.“ Aber ich denke, ich kann unmöglich ohne den Orden aller Orden nach Aachen kommen.

Die Aachener werden Ihnen das nicht übel nehmen, weil sie ihren Orden für den einzigartigsten aller einzigartigen halten, also kein Problem. Sie haben auch noch die Narrenmütze der Freiburger Fasnetrufer, die Katzenschwanzmütze, dann die Narrenschelle der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte und die Stockacher Laufnarrenkappe. Sie sind also eindeutig ein hundertprozentiger Fasnet-Freund.

Kretschmann: Absolut. Die Fasnet ist für mich die schönste Jahreszeit. Das Jahr ohne Fasnet könnte ich mir nicht vorstellen. Es gehört zum Rhythmus dazu. Es wäre kein gutes Leben, wenn das fehlen würde. Selbst mit hohem Fieber würde ich zum Froschkutteln-Essen gehen.

Trotzdem haben Sie vorhin von Skepsis gesprochen, als es um den AKV-Orden ging.

Kretschmann: Ich freue mich sehr über den Orden, die Skepsis kommt nur aus der Überlegung, ob ein verhockter Schwabe in diesen weltoffenen Karneval passt.

Was haben Sie vorher über den Orden wider den tierischen Ernst nicht gewusst, was Sie mittlerweile wissen?

Kretschmann: Ich habe über den Orden gewusst, dass er an Politiker verliehen wird, die einen gewissen Humor haben und nicht bierernst sind. Ich finde, das reicht.

Mit dem Humor hat es nicht immer geklappt, es gab auch Jahre, da war der Orden wohl eher ein Förderpreis. Aber jetzt gibt es die wunderbare Konstellation, dass eine „rote Socke“, Gregor Gysi, die Laudatio auf den grünen Ritter Winfried hält. Wie gefällt Ihnen das?

Kretschmann: Das nehme ich mit Humor.

Über das Verhältnis von Politik und Humor

Sie halten Ironie in der Politik für gefährlich, wie ist es denn mit Politik und Humor?

Kretschmann: Ohne Humor kann man nicht viele Jahre in der Politik bleiben wie ich. Das hält man doch gar nicht aus.

Das hängt auch von der Humorfähigkeit Ihrer Umgebung ab.

Kretschmann: Ich wüsste nicht, wie ich da ohne Sarkasmus zurecht käme. Politik ist ja auch ein Spiel, wenn auch ein ernstes. Da geht es um politische Kultur, das darf man nicht vergessen. Demokratie ist ein Spiel, so wie eine Barockkirche ein heiliges Theater ist. Man hat da eine Rolle. Ich muss mich als Oppositionspolitiker anders verhalten als der Regierungschef. Die Rolle muss man annehmen. Das macht sie auch menschenfreundlich. Das Spiel ist ernst, aber es ist ein Spiel.

Gibt es Politiker, die ausgesprochen humorvoll sind?

Kretschmann: Einen geradezu glänzenden Humor hat Norbert Lammert. Dieser Humor spitzt zu, legt etwas offen, ohne Pathos, der ist frisch, ist ehrlich, bringt Dinge auf den Punkt. Lammert und sein Feinsinn, sein Humor, sind ein Genuss. Ich hatte mehrmals das Pech, bei Veranstaltungen nach ihm reden zu müssen. Da ist man echt gestraft. Norbert Lammert ist ein Beispiel dafür, wie man mit Humor Politik macht. Das können nicht viele. Da ist Lammert ein Meister.

Leider gibt es völlig Humorlose in der Politik, zum Beispiel bei den Rechtspopulisten. Oder nehmen Sie Trump: Der ist das Ende des Humors. Humor ist eine Möglichkeit, mal ein bisschen aus sich herauszugehen, ohne sich gleich schlecht zu benehmen. Trump verhält sich so, wie wir es unseren Kindern beibringen: sich eben nicht so aufzuführen! Sie sehen ja auch in Diktaturen, dass der raffinierte Witz, der Rückzugsraum der politischen Kritik, eine so hohe Bedeutung hat. Selbst Witze sind in totalitären Staaten höchst gefährlich. Schon in den alten Demokratien, etwa bei den Griechen, gab es eben nicht nur Tragödien, sondern auch Komödien, gab es den Aristophanes und nicht nur den Sophokles.

Humor ist ein wichtiger Bestandteil der Demokratie.

Kretschmann: Seien Sie misstrauisch gegenüber Parteien, in denen keine Leute mit Humor sind. Parteien, in denen sich Humorvolle tummeln können, werden dagegen nie gefährlich für die Menschen.

Die Fragen stellte Bernd Mathieu.

Quelle: Das Interview ist am 27.01.2018 in den Aachener Nachrichten erschienen und hier in gekürzter Form dargestellt.


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